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Nicht Chicago. Nicht hier. von Kirsten Boie. Jugendbuchempfehlung

Kirsten Boie:

Nicht Chicago. Nicht hier.

1. Bibliografische Angaben und Lesestufe

  • Kirsten Boie: Nicht Chicago. Nicht hier. München: dtv junior, 2002, 128 S.
  • Lesestufe: 7.–9. Klasse

2. Inhaltsangabe

Personen

  • Niklas: Schüler einer 7. Klasse, für sein Alter ein ganz normaler Junge, Schwierigkeiten in der Schule
  • Svenja: ca. 15–16 Jahre alt, seine Schwester
  • Karin und Thomas: seine Eltern
  • Karl: Mitschüler, neu zugezogen
  • Rocky: Schüler aus einer Parallelklasse
  • Frau Römer: Lehrerin von Niklas und Karl
  • Karls Eltern
  • Polizisten

Ort
eine (Klein)Stadt in Deutschland, kein besonderes Lokalkolorit erkennbar

Handlung
Karl kommt neu in Niklas’ Klasse. Von Anfang an verhält er sich abweisend und cool, spielt den Macker und reagiert weder auf die Lehrerin noch auf seine Mitschüler. Da er im selben Ort wie Niklas wohnt, werden die beiden zur sozialen Integration von der Lehrerin für eine Gruppenarbeit eingeteilt. Auch als Karl Niklas deswegen das erste Mal besucht, ist sein Verhalten kalt und bestimmend. Nachdem er gegangen ist, fehlt eine von Svenjas CDs. Niklas will nicht an einen Diebstahl glauben, findet die CD allerdings auch nicht. Beim nächsten Besuch lässt sich Karl den Familien-PC des Vaters zeigen und fragt, ob er sich das neue CD-Laufwerk ausleihen dürfe. Noch bevor er eine Antwort bekommen hat, baut er es aus. Niklas hat ein mulmiges Gefühl, kann aber nichts dagegen unternehmen. Als er das Laufwerk wie versprochen am nächsten Tag zurückhaben will, weiß Karl von nichts. Niklas fühlt sich ihm gegenüber ohnmächtig und hat Angst, dass der Vater den Diebstahl entdeckt. Beim Versuch, das Laufwerk bei Karl zu Hause abzuholen, empfängt dieser ihn zunächst scheinheilig-freundlich, lädt ihn sogar zu einer Pizza ein – und sprüht ihm dann eine Ladung CS-Gas ins Gesicht. Bei Niklas, der das Laufwerk natürlich nicht bekommt, bleibt ohnmächtige Wut. Eine Zwei auf das gemeinsame Geschichtsreferat lässt den Ärger kurz vergessen. Die Lehrerin Frau Römer möchte, dass die beiden weiter zusammenarbeiten. Niklas wehrt sich erfolglos. Karl bestellt Niklas zu sich nach Hause, um „die Sache zu regeln“. Unterwegs wird Niklas plötzlich ein Stock zwischen die Speichen seines Fahrrads gehalten, er stürzt. Karl kommt aus dem Gebüsch und bedroht ihn mit einem Messer, Niklas kann fliehen. Karin ruft bei Karls Mutter an, doch Karl streitet alles ab: Es sei ein Unfall und Niklas obendrein noch selbst schuld gewesen. Die Eltern halten Niklas’ Version für pure Übertreibung. Hier sei ja schließlich nicht Chicago (Titel!). Auch Frau Römer hat keinerlei Verständnis für Niklas. Sie vermutet eine Art traumatischen Hintergrund für Karls auffällig abweisendes Verhalten, möchte Niklas nach wie vor gern als „Sozialarbeiter“ für Karl einsetzen und übt Druck auf ihn aus. Dass er sich dagegen sperrt, quittiert sie mit Unverständnis. Zu Hause bemerkt Niklas, dass ihm nun auch sein Quix (Gerät zum Empfang von Kurznachrichten) fehlt. Sofort ist er sich sicher, dass Karl es ihm beim Sturz vom Rad abgenommen hat. Geistesgegenwärtig lässt er es bei der Zentrale sperren. Im Konfirmandenunterricht vertraut er sich Rocky an, der ihm als Antwort lediglich seine respektable Waffensammlung zeigt. Die Eltern haben wieder kein Vertrauen in Niklas und vermuten, er habe sein Quix lediglich verschlampt. Auch als das Fehlen des CD-Laufwerks auffällt, schenkt keiner Niklas Glauben: Karl streitet alles ab und dreht den Spieß um, indem er behauptet, er habe Niklas 100 DM für das obendrein kaputte Laufwerk bezahlt! Niklas’ Vater sieht sich gezwungen, diese Version zu akzeptieren, und zahlt. Niklas soll die Summe vom Taschengeld abgezogen werden. Die Quix-Zentrale ruft Thomas an, ob die – natürlich falsche – Nachricht stimme, dass Niklas sein Quix entsperren wolle. Langsam beginnt Thomas, seinem Sohn zu glauben. Nach einiger Zeit behauptet Rocky, er habe ein Quix gefunden, das dem von Niklas ähnlich sehe. Am verabredeten Treffpunkt warten Rocky und Karl, der Geld für das Quix fordert. Als Niklas sich weigert, schlägt ihn Karl unter wüsten Beschimpfungen zusammen und kann nur von Rocky zurückgehalten werden. Niklas verlangt nachhaltig von seinen Eltern, dass sie zur Polizei gehen, doch sie halten alles nach wie vor für Dummejungenstreiche. Immerhin: Thomas vertraut seinem Sohn weiterhin. Die Lehrerin versagt völlig: Sie glaubt immer noch, eine Beziehung zwischen Niklas und Karl herstellen zu können, schiebt die Schuld auf Niklas’ störrisches Verhalten und möchte ihn am liebsten auf die Realschule loswerden. Nachdem Thomas erfolglos mit Karls Vater gesprochen hat, setzt zu Hause Telefonterror ein. Niklas wird beschimpft, bei den anderen Familienmitgliedern bleibt die Leitung tot. Natürlich steckt Karl dahinter, was sich aber nur schwer nachweisen lässt, da Mitschnitte ohne offizielle Erlaubnis nicht als Beweismittel gelten. Als schließlich Niklas’ Kaninchen geklaut (und vermutlich umgebracht) wird, verständigt Thomas die Polizei. Diese verhält sich jedoch wenig kooperativ und der Fall wird als Bagatelle abgetan. Eine getrennte Befragung von Karl, Rocky und Jannis, eines dritten Jungen im Bunde, sowie deren Eltern ergibt eine deckungsgleiche Version des Geschehens, gegen die man ohne Beweise nicht ankommt. Auch dass Svenja zufällig hört, wie Karl und Rocky offen ihre Lüge feiern, hilft nicht weiter. Bei der Polizei drängt man Thomas, im eigenen Interesse die Anzeige zurückzuziehen. Doch er bleibt hart. Das Buch endet, als ein Brief vom Gericht eintrifft – wohl die Bestätigung der Anzeige.

3. Kurzinformationen zur Autorin

Kirsten Boie, Jahrgang 1950, ist eine der bekanntesten Kinder- und Jugendbuchautorinnen Deutschlands. Ihre regelmäßig erscheinenden Bücher erfreuen sich großer Beliebtheit beim jugendlichen Zielpublikum, aber auch bei Erwachsenen, weil ihr Stil in gleicher Weise literarisch anspruchsvoll und für Kinder und Jugendliche verständlich ist. Kirsten Boie arbeitete als Lehrerin, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. 1985 erschien ihr erstes Buch Paule ist ein Glücksgriff, das bereits mit mehreren Preisen geehrt wurde. Es folgten ca. 60 weitere Titel, die zum großen Teil auch in andere Sprachen übersetzt wurden. Neben ihren Büchern schreibt Kirsten Boie auch Drehbücher für das Kinderfernsehen und Aufsätze über Jugendliteratur.

4. Allgemeine Einordnung

Nicht Chicago. Nicht hier. behandelt nach wie vor aktuelle Jugend-/Schülerprobleme: Mobbing, „Abziehen“ und Diebstahl, persönliche Bedrohung und Gewaltkriminalität. Was Niklas passiert, wird im Roman nicht wirklich ernst genommen. Bei der Polizei zählt man auf, mit welchen ganz anderen Fällen von Körperverletzung und Sachbeschädigung man es zu tun habe. Sieht man den messbaren Schaden an, mag das auch stimmen. Doch dass diese „Bagatellen“ für die Betroffenen keine sind und auch Konsequenzen haben können, deutet die Autorin an, indem sie die Geschichte mit „Ich mach ihn tot. Ich bring ihn um, ich schwör.“ sowohl beginnen als auch enden lässt. Insofern lässt sich Nicht Chicago. Nicht hier. gut mit dem ebenfalls hier vorgestellten Buch Ich knall euch ab! von Morton Rhue verbinden.

5. Strukturelle und sprachliche Aspekte

Die sich über einige Wochen erstreckende Handlung wird nicht linear erzählt, sondern in zwei Handlungssträngen:

  1. Das Geschehen in der Familie: Wie soll man mit dem Telefonterror umgehen, soll man Anzeige erstatten oder nicht? (Gegenwart, Normaldruck)
  2. Die Ereignisse zwischen Niklas und Karl: das Verschwinden der Gegenstände, die Steigerung der Gewalt. (Rückblende, Fettdruck)

Das in der Rückblende erzählte Geschehen bewegt sich dabei allmählich auf die Gegenwart zu, was zur Auflockerung, vor allem aber zur Steigerung der Spannung beiträgt. Erzählt wird aus der „Er“-Perspektive in der personalen Erzählsituation. Das Berichtete wirkt neutral, der Erzähler steht aber klar auf Niklas’ Seite.

Die Geschichte hat einen teilweise offenen Anfang, vor allem aber ein vollkommen offenes Ende. Auch wenn man davon ausgehen kann, ist nicht hundertprozentig sicher, dass der Vater wirklich Anzeige erstattet: Am Schluss wird lediglich berichtet, dass ein Brief vom Gericht eintrifft. Unklar bleibt genauso, was aus Niklas (Schulschwierigkeiten, Situation in der Klasse, Verhältnis zu Frau Römer) einerseits und Karl und Rocky andererseits wird. Nach allem, was die Polizisten am Schluss der Geschichte sagen, müssen die beiden nicht wirklich mit einer Bestrafung rechnen. Zur offenen Struktur gehört auch, dass man über die Hintergründe der Gewalttätigkeit nichts erfährt. Niklas’ Wehrlosigkeit Karl gegenüber erklärt sich unter anderem auch dadurch, dass er sich noch im Übergang vom Kind zum Jugendlichen befindet (einerseits spielt er noch mit Lego und hat ein Kaninchen, andererseits raucht er gelegentlich und möchte größer erscheinen). Zur Erklärung von Karls Gewalttätigkeit gibt es keinerlei Anhaltspunkte, was Raum für Interpretationen lässt. Insgesamt ist diese offene Struktur schwierig, aber auch anspruchsvoll und interessant. Wenn man möglicherwese nach Gründen für das Verhalten der Protagonisten sucht, wird man keine finden; Karls Benehmen ist nicht nachvollziehbar. Schwierig ist auch der Aspekt, dass das Ende durchaus entmutigen könnte, denn es sieht so aus, als sei gegen diese Gewalt kein Kraut gewachsen. Dafür ermöglicht diese offene Struktur die Fokussierung auf die Handlung und, was vor allem reizvoll ist, eine Vielzahl inhaltlicher und formaler Umgangsweisen mit dem Text. Die Sprache ist dem Thema und der Altersgruppe angemessen. Sie ist realistisch, ohne aufgesetzt und künstlich zu wirken, auch die Kraftausdrücke beim Telefonterror gegen Niklas halten sich in Grenzen. Die Sätze sind verständlich, die präzise Kürze erleichtert die Konzentration auf das Geschehen und macht Nicht Chicago. Nicht hier. für Jugendliche attraktiv.

6. Didaktische Anregungen

Drei Fragen stehen bei der inhaltlichen Behandlung des Buchs besonders im Vordergrund:

  1. Wie ist eine solch offenkundig unmotivierte Gewalt und Gemeinheit überhaupt möglich?
  2. Warum wehren sich Niklas und seine Eltern nur so zögerlich gegen Karl und Rocky?
  3. Was kann man gegen Mobbing an der Schule bzw. unter Jugendlichen tun?

Dazu einige Vorschläge:

  • mögliche Hintergründe einzelner Figuren ausgestalten (z. B. von Karl und Rocky: Langeweile, Übersättigung, Verwöhntheit als Motive)
  • Die Lehrerin meint es ja eigentlich gut, aber … --> Durchspielen von geeigneteren Möglichkeiten, Karl in die Klassengemeinschaft einzugliedern
  • (für höhere Klassen:) Aggressionstheorien und mögliche Schlussfolgerungen -->Kurzvorträge
  • Rolle der Schule, besonders der Lehrerin Frau Römer --> Lehrerkonferenz, Konfrontation der Lehrerin mit der Wahrheit
  • Mobbing in der Schule --> Recherche
  • „Anti-Mobbing-Programm“ --> z. B. Plakate
  • neue Figuren einführen, z. B. Mitschülerinnen oder Mitschüler, an die sich Niklas hilfesuchend wendet --> Wie reagieren sie?
  • Ohnmacht der Eltern --> mögliche Gründe (scheinbare Naivität des Vaters, mangelndes Vertrauen der Eltern in ihren Sohn) und Alternativen (Eltern suchen sich einen Anwalt, lassen Gespräch legal mitschneiden.)
  • Niklas’ Ohnmacht --> Tagebuch, Brief: Warum lässt er sich so lange von Karl an der Nase herumführen, ohne etwas zu unternehmen? --> Was wären mögliche Strategien der Gegenwehr? (offenes Ansprechen der Vorfälle in der Klasse, persönlicher Appell an einzelne Lehrer oder Mitschüler)
  • anderes Ende: Gerichtsverhandlung gegen Karl, Rocky und Jannis --> kreatives Schreiben, darstellendes Spiel
  • Lage der Beweisführung; Bedeutung von Telefonmitschnitten (Gerichtsverwertbarkeit?) --> Diskussion/Erörterung
  • Einladen eines Polizeibeamten --> Diskussion: Wie ist die Darstellung der Polizei im Buch zu bewerten? Was kann die Polizei in solchen Fällen am besten tun? Wie verhält man sich, wenn man Mobbing-Opfer wird?

Fazit

Auch wenn es zwischen einzelnen Schulen durchaus Unterschiede gibt, inwiefern diese Probleme (noch) eine Rolle spielen: Nicht Chicago. Nicht hier. ist ein spannendes, gut lesbar geschriebenes Buch zum Thema Mobbing und Gewalt unter Jugendlichen. Literarisch für die Altersgruppe durchaus anspruchsvoll, bietet Nicht Chicago. Nicht hier. zahlreiche Gestaltungsmöglichkeiten, die das Buch zu einer lohnenden Lektüre im Unterricht machen. Einige Ungereimtheiten, z. B. das extrem zögerliche Verhalten von Niklas und seinen Eltern, fallen dagegen weniger stark ins Gewicht.

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