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In 300 Jahren vielleicht von Tilman Röhrig. Jugendbuchempfehlung

Tilman Röhrig:

In 300 Jahren vielleicht

Sprachlich hervorragend, zugleich feinfühlig und dicht lässt Tilman Röhrig den Leser mitspüren, wie der Kleine das erleiden muss, was die Mächtigen angezettelt haben und ihnen dann entglitten ist. Ein Buch, das ergreift und begreifen lässt. (...) Vielleicht gelingt es – auch durch dieses Buch –, uns nicht erst in dreihundert Jahren vielleicht zur Vernunft zu bringen.
(DIE ZEIT, 02.03.1984)

1. Bibliografische Angaben und Lesestufe

  • Tilman Röhrig: In 300 Jahren vielleicht. Würzburg: Arena, 2006, 152 S.
  • Lesestufe: 7. – 8. Klasse

2. Inhaltsangabe

Der 15-jährige Jockel Markart und seine Familie leben im Jahr 1641 im kleinen Dorf Eggebusch. Der Dreißigjährige Krieg tobt. Auch Eggebusch ist bereits mehrfach von plündernden und mordenden Soldatenhaufen heimgesucht worden. Welcher Kriegspartei diese angehören, ist für die Bewohner des Dorfes inzwischen bedeutungslos. Wer noch lebt, hat alles verloren. Jockel, seine Geschwister und Freunde sind bereits im Krieg geboren, sie kennen den Frieden nicht. Für sie sind Hunger, Krankheit, Tod und Zerstörung das Selbstverständliche. Inmitten dieser Grausamkeit wachsen sie auf, spielen, verlieben sich zum ersten Mal. Einige Erwachsene versuchen die Situation so gut es geht zu meistern, andere verzweifeln an ihr. Als wieder ein erster Stoßtrupp von Soldaten über das Dorf herfällt und klar ist, dass der große Tross erst noch folgen wird, droht die Stimmung zu kippen: Jockels heimliche Liebe Katharina ist in Gefahr, weil sie rotes Haar hat – einige halten sie für eine Hexe und damit für die Schuldige am ganzen Übel. Die Eggebuscher wissen, dass sie einen erneuten Überfall kaum überstehen können. Jockels Mutter gebiert in dieser Situation ein Kind, welches noch einmal Anlass zu Hoffnung und Freude bietet. Die Dorfbewohner feiern zu seiner Taufe ein Fest mit dem wenigen, was sie noch haben. Am Tag danach stirbt das Neugeborene und die Soldaten fallen erneut über das diesmal völlig unvorbereitete Dorf her. Die wenigen, die diesen letzten Überfall überlebt haben, verlassen das völlig zerstörte Eggebusch in eine ungewisse Zukunft. Auch Jockel und Katharina gehören dazu.

3. Kurzinformationen zum Autor

Tilman Röhrig, geboren 1945, gehört zu den bekanntesten deutschen Kinder und Jugendbuchautoren. Er wurde bereits mehrfach ausgezeichnet, für den Roman In 300 Jahren vielleicht erhielt er den Deutschen Jugendliteraturpreis. Röhrig hat verschiedene historische Jugendromane verfasst, so auch zur Inquisition (Übergebt sie den Flammen), über Hannibals Alpenüberquerung (Mit Hannibal über die Alpen) und zu Robin Hood (Robin Hood. Solange es Unrecht gibt).

4. Allgemeine Einordnung

Krieg und alles, was dieser bedeutet, stehen im Zentrum dieses Romans. Dies heißt auch, dass die Lektüre für Schüler kein leichter Lesestoff ist. Drastisch werden Mord, Totschlag, Folter und Vergewaltigung dargestellt und ebenso anschaulich Hunger, Krankheit, Verzweiflung und das daraus entstehende Bedürfnis, Schuldige zu finden. In all dem Elend entsteht mit der Geburt von Jockels Bruder David neues Leben und damit auch neue Hoffnung. Auch die zart keimende Liebe zwischen Jockel und Katharina setzt sich der ganzen Grausamkeit entgegen. Tilman Röhrig zeigt am Dreißigjährigen Krieg exemplarisch, wie Menschen in einer solchen Situation leiden und wie sinnlos all das Töten ist. Eine Schlüsselszene des Romans ist, wie sich Tobias, der Freund Jockels, und seine sterbende Schwester Anne den Frieden vorstellen. Auf die Frage Annes, wann endlich Frieden sein werde, antwortet Tobias: „Bald. So in hundert oder in zweihundert Jahren. Aber bestimmt in dreihundert Jahren.“ (S. 48) Dies wäre das Jahr 1941.

5. Strukturelle und sprachliche Besonderheiten

Der Roman umfasst 152 Seiten und ist in fünf große Kapitel unterteilt; als Anhang ist der Beginn von Martin Opitz’ „TrostGedichte In Widerwertigkeit Deß Krieges“ (1633) abgedruckt. Innerhalb der einzelnen Kapitel werden aber stets verschiedene Handlungsstränge dargestellt, so dass mehrere thematische Sinnabschnitte vorhanden sind. Die Handlung spielt sich vom 3. bis zum 7. Oktober 1641 ab und wird streng chronologisch erzählt. Überwiegend wird der Leser von einem auktorialen Erzähler durch das Geschehen geführt, der aber häufig auch personal wird und die Ereignisse dann ganz aus der Sicht seiner Figuren, vor allem der Hauptperson Jockel Markart, darstellt. Diese Wechsel im Erzählverhalten ermöglichen dem Leser, sich intensiv in die Gefühle der Personen hineinzuversetzen. In der sprachlichen Gestaltung spiegelt sich die Thematik wider. Äußerst anschaulich werden die Kriegssituation und ihre Auswirkungen auf die Menschen mittels verschiedenster sprachlicher Bilder sowie eines intensiven Attributgebrauchs geschildert. So beginnt der Roman mit dem Vergleich: „Wie eine schwarze Wunde klaffte das geöffnete Portal  in dem gelblich verwitterten Mauerwerk der Kirche.“ (S. 5) Dennoch ist der Roman aufgrund der einfach konzipierten Syntax leicht lesbar und auch für Schüler gut zu verstehen. Aufgrund der teilweise aber drastischen Darstellungen ist In 300 Jahren vielleicht frühestens im zweiten Halbjahr der 7. Klasse als Lektüre zu empfehlen.

6. Didaktische Anregungen

Obwohl es sich um einen historischen Roman handelt, ist angesichts der Thematik eine rein historisch orientierte Lektürebesprechung wenig sinnvoll. Dementsprechend muss der Unterricht auch nicht fächerübergreifend mit Geschichte stattfinden. Dennoch ist zu empfehlen, die Schüler vor Lektürebeginn in die Thematik „Dreißigjähriger Krieg“ einzuführen. Dabei sollten auch bestimmte Berufe und Begriffe erläutert werden, wie „Dorfvogt“, „Weißgerber“, „Küster“, „Söldner“ oder „Landsknecht“. Da aber der Dreißigjährige Krieg hier nur exemplarisch veranschaulicht, welche Folgen Krieg im Allgemeinen für die Menschen hat, werden auch diese Auswirkungen im Mittelpunkt der Besprechung stehen. Während der Lektüre ist zu empfehlen, dass die Schüler ein Lesetagebuch führen, in welchem sie neben den im Unterricht erarbeiteten Ergebnissen ihre persönlichen Gefühle festhalten können. Diese sollten auch immer wieder zu Beginn einer Unterrichtseinheit besprochen werden. Damit sich die Schüler besser in die jugendlichen Hauptpersonen hineinversetzen können, sollten sie sich zum Einstieg in die Lektürebesprechung eine Figur aussuchen und sich mit dieser auseinandersetzen. Zunächst wäre das in der Beantwortung eines Fragebogens mit bestimmten Leitfragen denkbar. Dabei sollten zuerst die äußeren Lebensumstände erfasst werden (Alter, Aussehen, Freunde, Eltern, Wohnort), dann aber auch die persönlichen Gefühle (Träume, Ängste). So können die Schüler leichter Parallelen zwischen sich und den Figuren entdecken und dadurch die historische Distanz überwinden. Die Ergebnisse können schließlich in Form schriftlicher Steckbriefe im Klassenzimmer ausgehängt werden. Denkbar ist auch, dass sich die Schüler in einem szenischen Spiel als die von ihnen gewählte Person vorstellen. In diesem Fall könnten die Beziehungen der Figuren zueinander von den Spielern durch Standbilder dargestellt werden. Thematische Besprechungsansätze für die Unterrichtsreihe bietet der Roman zuhauf. Da ist zunächst natürlich die im Einstieg schon angesprochene Lebenswelt der Jugendlichen mit ihren Beziehungen untereinander wie auch zu den Eltern und anderen Dorfbewohnern. Insbesondere die zwei wichtigsten Familien Markart und Hobe können hier vergleichend analysiert werden. Ebenso muss die Auseinandersetzung mit dem Tod wohl breiten Raum einnehmen. Dieser dominiert die Handlung immer wieder. Besonders hingewiesen sei hier auf das Sterben von Anne, der Schwester Tobias Hobes, oder die Sorge Jockels um seinen kleinen Bruder Leonhard, der sich an einem sterbenden Soldatenjungen mit der Pest infiziert haben könnte. Der beinahe täglichen Begegnung mit dem Tod steht die Erfahrung beginnenden Lebens mit der Geburt Davids gegenüber. So könnte die Reaktion ausgewählter Dorfbewohner auf dieses Ereignis mit ihrer Reaktion auf das Sterben verglichen werden. Insbesondere die Auswirkungen des Grauens auf das Denken und Verhalten der Personen werden im Roman nämlich anschaulich und nachvollziehbar dargestellt – negative Gefühle wie Neid, Gier, Misstrauen oder Angst stehen positiven wie Fürsorge, Zärtlichkeit, Hoffnung und Liebe gegenüber – und können im Unterricht untersucht werden. Dabei sollte auch die Perspektive der mordenden Soldaten und vor allem ihrer mitziehenden Frauen und Kinder nicht außer Acht gelassen werden. Für die Schüler zunächst unbefriedigend ist der völlig offene Schluss des Romans. Daher bietet sich an, das Buch weiterschreiben zu lassen, indem für die Überlebenden eine Zukunft ausgedacht wird. Die gesamte Besprechung sollte in eine Aktualisierung, zu welcher der Romantitel ja auch anregt, münden. Dazu können die Schüler zu aktuellen Kriegen und Konflikten recherchieren. Hier wird ebenfalls die Perspektive der Leidtragenden im Mittelpunkt stehen. Diese Recherchearbeit kann in Form einer Wandzeitung gestaltet und ausgestellt werden.


empfohlen von Astrid van Essenberg

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