​

Unter Verdacht von Joyce Carol Oates. Jugendbuchempfehlung

Joyce Carol Oates:

Unter Verdacht

1. Bibliografische Angaben und Lesestufe

  • Joyce Carol Oates: Unter Verdacht. Die Geschichte von Big Mouth & Ugly Girl.München: dtv, 2006, 304 S.
    (aus dem amerikanischen Englisch von Birgitt Kollmann, Originaltitel: Big Mouth & Ugly Girl)
  • Lesestufe: 8.–10. Klasse

2. Inhaltsangabe

Matt Donaghy und Ursula Riggs besuchen die Rocky River High School. Beide haben sich eine Fassade zugelegt, hinter der die feineren Facetten ihrer Persönlichkeit nicht zu erkennen sind. Dabei haben sie unterschiedliche Strategien entwickelt, um mit ihrer Unsicherheit umzugehen: Matt ist ein schlagfertiger Junge mit Talent zum Schreiben, der die Erfahrung gemacht hat, dass er mit seinem lockeren Mundwerk die Aufmerksamkeit seiner Mitmenschen gewinnen kann. Er kultiviert seine große Klappe („Big Mouth“). Ursula, ein vielseitig begabtes Mädchen, scheint hingegen keinen Wert darauf zu legen, beliebt zu sein. Sie hat sich einen harten Panzer zugelegt und gibt sich unnahbar und störrisch („Ugly Girl“). Auf keinen Fall möchte sie verletzlich wirken, weshalb sie andere laufend vor den Kopf stößt.
Als Matt eines Tages in der Cafeteria eine spaßig gemeinte Bombendrohung ausstößt, gerät er in Schwierigkeiten. Er wird von der Polizei aus dem Unterricht abgeführt aufgrund einer Anzeige, als deren Urheber sich später der fundamentalistische Prediger Brewer herausstellt, dessen Töchter ebenfalls die Schule besuchen. Matt wird vom Schulleiter suspendiert und Freunde,  Mitschüler und Lehrer beginnen, den ehemals beliebten Jahrgangssprecher zu meiden. Lediglich Ursula, die Zeugin des Vorfalls in der Cafeteria gewesen ist, setzt sich konsequent für ihn ein. Durch ihre Aussage wird Matt offiziell rehabilitiert. Als seine Eltern die Schule jedoch auf Schadensersatz verklagen, gerät er noch tiefer in die Isolation. Von einigen Schülern schlägt ihm der blanke Hass entgegen. Sie verprügeln ihn und entführen später seinen Hund Pumpkin. Ursula hilft Matt auch dabei, seine Verzweiflung zu bekämpfen und Pumpkin wiederzubekommen. Die beiden Außenseiter stellen fest, dass sie gemeinsame Interessen haben, und entwickeln gegenseitiges Vertrauen. Schließlich wird Reverend Brewer verhaftet, weil er selbst bei einer anonymen Bombendrohung ertappt wird, die er Matt anzulasten versucht hat. Außerdem ziehen Matts Eltern ihre Verleumdungsklage zurück. Durch diese Umstände normalisiert sich sein Leben wieder. Inzwischen ist er aber ein anderer, reiferer Mensch geworden, auch durch Ursula, die jetzt selbst weiß, wie wichtig es ist, auf andere zuzugehen. Aus der Freundschaft der beiden wird langsam mehr.

3. Kurzinformationen zur Autorin

Joyce Carol Oates, geboren 1938 in Lockport, New York, ist eine der angesehensten Schriftstellerinnen in den Vereinigten Staaten. Ihr Werk umfasst neben zahlreichen Kurzgeschichten und ca. 60 Romanen auch Gedichte und Theaterstücke und ist mit zahlreichen Preisen, u. a. dem National Book Award, ausgezeichnet worden. Oates ist zudem als Dozentin für kreatives Schreiben an der Princeton University tätig. Seit einigen Jahren schreibt sie auch Romane, die sich an Jugendliche wenden, deren Lektüre für Erwachsene aber ebenfalls lohnend ist. Wie in vielen ihrer Werke gibt es in Unter Verdacht recht extreme Charaktere, die ihre Identitätsfindung nur unter großen Mühen vollziehen und oft unter selbstzerstörerischen Tendenzen leiden. Das Buch lässt den Leser aber optimistischer zurück, als man es von der Autorin gewohnt ist, weil es einen hoffnungsvollen Ausklang hat. Auch ist die Erzählweise konventioneller und stellt junge Leser nicht vor Verständnisprobleme.

4. Allgemeine Einordnung

Unter Verdacht ragt aus der Fülle von Jugendbüchern schon durch die Figurengestaltung heraus. Matt und Ursula sind differenziert gezeichnete Charaktere, ihre Gefühle und Erfahrungswelten werden trotz einiger Übertreibungen glaubwürdig vermittelt. Zahlreiche Themen wie Freundschaft, Gruppendruck, Toleranz, Ausgrenzung und Zivilcourage werden plausibel miteinander verwoben und bilden den Hintergrund für eine spannende Geschichte. Die Autorin erzählt diese mit viel Feingefühl für aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen, die das Leben und Aufwachsen der Jugendlichen prägen. Matt und Ursula agieren in einem Umfeld, das von Hysterie und Verfolgungswahn gekennzeichnet ist. Die Bereitschaft, einem Menschen unvermittelt einen Amoklauf in einer Schule zuzutrauen, ist nur vorstellbar in der Atmosphäre, die seit entsprechenden Vorfällen in den USA und Deutschland entstanden ist, aber auch in Verbindung mit der allgegenwärtigen Furcht vor Terroranschlägen. Daneben schildert  der Roman sehr sensibel ein soziales Klima, in dem Äußerlichkeiten und Prestige mehr zählen als Persönlichkeit. Oates ist eine geübte Beobachterin der oberflächlichen, an Konsum und Leistungsdenken ausgerichteten Kultur der Mittelschicht. Ihre Kritik trifft die Erwachsenen, die die Jugendlichen in ihrer Not im Stich lassen. Die Rezensentin Susanne Mayer findet deshalb auch, dass das positive Ende für die Elterngeneration nur begrenzt Gültigkeit habe:

(E)s schließt die Erwachsenen nicht ein, die Mütter mit ihren kleinen Beruhigungshelfern, die Väter in ihren High-Speed-Existenzen, die Lehrer mit ihrer transpirierenden Hilflosigkeit. Nachhilfe, auch dies zeigt dieser Roman, brauchen im Leben besonders die Alten, mal wieder typisch.
(DIE ZEIT, 20. 03. 2003)

Zu dem Roman gibt es im Übrigen eine Bühnenfassung von Paula Bettina Mader, die 2005 am Stadttheater Konstanz uraufgeführt wurde.

5. Strukturelle und sprachliche Besonderheiten

Der Roman schildert die Ereignisse abwechselnd aus der Perspektive der beiden Protagonisten, manchmal wird auch der Blickwinkel der Öffentlichkeit eingenommen. In den Ursula-Passagen liegt eine Ich-, ansonsten eine Er-Erzählsituation vor. Für jede Perspektive findet der Roman eine eigene Sprache, wobei vor allem einige der Abschnitte, in denen Ursula berichtet, besonders lebendig sind und viele bildhafte, komische oder groteske Elemente enthalten. So wird nachvollziehbar, wie sich aus dem begabten, aber ungelenken und verunsicherten Teenager nach und nach eine junge Frau entwickelt, die ihren Platz im Leben finden wird. Aus der Zusammenschau der verschiedenen Sichtweisen kann sich der Leser ein Bild davon machen, wie eine zunächst unmöglich scheinende Freundschaft entsteht. Eine wiederum charakteristische Sprache haben die E-Mails der beiden
Jugendlichen, die der Roman wiedergibt. Man kann diese Textpassagen als moderne Variante der Brieferzählung betrachten und sie zum Anlass nehmen, um über Veränderungen von Kommunikationsgewohnheiten nachzudenken. Auch eignen sie sich zur Entwicklung von Schreibanlässen, eventuell unter Einbeziehung des Computers in den Literaturunterricht.

6. Didaktische Anregungen

Charakterisierung
Zur Arbeit an den Charakteren kann durch produktionsorientierte Aufgaben hingeführt werden. Eine Möglichkeit stellt ein modifizierter Proust’scher Fragebogen dar, wie ihn das FAZ-Magazin regelmäßig Zeitgenossen vorgelegt hat. Die Schüler sollen ihn jeweils aus der Sicht Matts und Ursulas ausfüllen. Gefragt ist hier nach dem Bewusstseinsstand der Protagonisten vor Beginn der eigentlichen Romanhandlung (dem Erscheinen der Polizei in der Schule). Bei der Reflexion der Ergebnisse sollte erörtert werden, in welchem Umfang die beiden Jugendlichen in der Lage sind, selbst Einblick in ihre Situation, ihre Wünsche und Ziele zu gewinnen. Dabei wird wahrscheinlich deutlich, dass Unbewusstes und auch ihre Umgebung die Beantwortung der Fragen beeinflussen dürften.

Folgende Fragen könnte ein Arbeitsblatt enthalten:

  1. Wo möchtest du leben?
  2. Wovor hast du Angst?
  3. Was ist dein Traum vom Glück?
  4. Was wäre für dich das größte Unglück?
  5. Was ist dein wichtigster Charakterzug?
  6. Was schätzt du bei einem Jungen am meisten?
  7. Was schätzt du bei einem Mädchen am meisten?
  8. Welche Fehler entschuldigst du am ehesten?
  9. Was verabscheust du am meisten?
  10. Was ist dein Motto?

Im Verlauf des Gesprächs über die Antworten, die die Schüler in die Fragebögen eingetragen haben, sollten einschlägige Textstellen zur weiteren Überprüfung herangezogen werden, vor allem das Kapitel 2 im Hinblick auf Ursula, die Seiten 53–56 zu Matt. In einer späteren Phase des Unterichts würde es Sinn machen, den Fragebogen ein zweites Mal ausfüllen zu lassen, um den Entwicklungsprozess der Figuren daran nachzuvollziehen.

Gerücht/Verdacht
Das Entstehen von Gerüchten, die Eigendynamik des Verdachts, der kollektive Zusammenschluss gegenüber einem wehrlosen Einzelnen – dies sind soziale Prozesse, die der Roman schildert und die im Unterricht thematisiert werden können. Als Einstieg in das Thema eignet sich die berühmte Karikatur „Das Gerücht“ von A. Paul Weber (http://www.weber-museum.de/werk/geskrt/ [Stand: 11/2006]). Anschließend kann ein Spiel durchgeführt werden, bei dem jeder Schüler sich ein Gerücht ausdenkt und es dann beim Umhergehen im Raum anderen zuflüstert. Scheint jemandem das eines Klassenkameraden attraktiver als das eigene, kann er es übernehmen und selbst weiterverbreiten. Am Ende werden im Plenum alle ursprünglichen Gerüchte laut genannt und die Lerngruppe diskutiert, welche sich gegenüber anderen durchgesetzt haben und warum. Danach sollten eigene Erfahrungen eingebracht werden: Mit welchen Gerüchten ist man selbst schon in Berührung gekommen? Welche kennt man aus der Zeitung oder dem Fernsehen? Was ist daraus jeweils geworden? Worin unterscheidet sich ein Verdacht von einem Gerücht? Sind einzelne Schüler schon einmal selbst unschuldig in Verdacht geraten?
Besonders wichtig ist die Frage nach der (zumeist schädlichen, mitunter aber auch nützlichen) Wirkung von Gerüchten auf die Betroffenen. Schließlich gilt es, Gründe dafür zu finden, welche Funktion sie für diejenigen haben, die sie verbreiten (z. B. Sensationslust, Schadenfreude, Schaffen von Vertraulichkeit zwischen Sender und Empfänger, Statusverbesserung für den Verbreiter). In diesem Stadium sollte auch der Text wieder in den Mittelpunkt gerückt sein. Eine Passage, an der die
Funktionsweise von Gerüchten besonders gut erkennbar wird, ist das Ende von Kapitel 3 (S. 32–37).

Erwartungshaltungen
Matt und Ursula versuchen, eigenständige Persönlichkeiten zu werden, was ihnen ihr Umfeld jedoch schwermacht: Es konfrontiert sie laufend mit Erwartungen, denen sie nicht gerecht werden können oder wollen. Sie werden nicht so akzeptiert, wie sie sind. Sie erleben, dass der Druck, den die Gesellschaft auf den Einzelnen ausübt, sich bei vielen in Suchtverhalten und psychosomatischen Erkrankungen äußert. Ursulas jüngere Schwester, die sich an das Bild anpasst, welches ihre Eltern von einem Mädchen haben, zeigt Tendenzen zur Magersucht. Die Eltern und Lehrer sind überwiegend negative Zukunftsprojektionen, deren Persönlichkeit und Lebensstil die beiden Jugendlichen nicht als vorbildlich akzeptieren. Erst im Kontakt miteinander erhalten Matt und Ursula erstmals die Gelegenheit, sich mit jemandem über diese Probleme auszutauschen.

In diesem Zusammenhang können die Schüler aufgefordert werden, Textstellen zu sammeln, an denen Matt und Ursula mit Forderungen an ihr Verhalten  konfrontiert werden, die ihnen eigentlich wesensfremd sind. Besonders geeignet ist dabei der Abschnitt S. 191–204. Die Lerngruppe soll dann in zwei Spalten aufschreiben, welchen Ansprüchen die Protagonisten jeweils unterliegen (unter der Überschrift „Ich soll/muss …“) und weshalb sie dazu eine kritische Haltung einnehmen („Ich lehne das ab/möchte lieber …, weil …“). Diese Aufgabe kann jeweils von einer Hälfte der Klasse für Matt und von der anderen für Ursula bearbeitet werden. Nach dem sich anschließenden Unterrichtsgespräch sollte in einer zweiten Phase die Verbindung zu dem bisherigen Verhalten Matts und Ursulas hergestellt werden. Dabei müsste deutlich werden, dass Matt sich übertrieben Ansprüchen angepasst hat, während Ursula in „Renitenz“ (vgl. S. 143) und abweisendes Verhalten geflüchtet ist.
In einer dritten Phase kann auf die Schwierigkeiten eingegangen werden, die insbesondere viele Mädchen und Frauen in dem Roman haben, ihrer Persönlichkeit Ausdruck zu verleihen (z. B. Ursulas Mutter und Schwester, ihre Freundin Bonnie LeMoyne). Die Schüler können in Gruppen erforschen, welche Vorstellungen von einer Frau z. B. Ursulas Vater oder die „coolen“ Jungen wie Trevor Cassity haben. Dieses Frauenbild ließe sich in Form von Collagen aus Fotos und anderen Materialien aus Zeitschriften oder dem Internet darstellen. Weiterhin sollte man untersuchen, welche negativen Auswirkungen auf Gesundheit und Verhalten der Frauen aufgezeigt werden.

Kurzreferate
Bei älteren und leistungsstarken Klassen könnte sich auch ein Exkurs über feministische Auffassungen, die in den Roman eingeflossen sind, anschließen. Dies könnte etwa in Form eines Kurzreferats über die australische Schriftstellerin und Feministin Germaine Greer geschehen, auf deren Werke Ursula in Manhattan aufmerksam wird (S. 142). Überhaupt bieten sich hier  zahlreiche Themen an, die den Schülern Gelegenheit geben, selbstständig Hintergrundwissen zu beschaffen und sich im freien Vortrag zu üben. Dazu gehört in erster Linie die Serie von Mordanschlägen in Schulen wie in Columbine und Erfurt. Eine Beschäftigung mit deren Ursachen und Auswirkungen ist im Rahmen der Behandlung dieses Jugendbuchs naheliegend und könnte im Zusammenhang mit dem Dokumentarfilm Bowling for Columbine (Regie/Drehbuch: Michael Moore. USA/CA/D 2002) geschehen.


Empfohlen von Stefan Munaretto

Wir benötigen Cookies um die Grundfunktionen unserer Website-Funktionen anbieten zu können. Um auch Statistiken, Spam-Schutz-Funktionen und Vorschauen von Büchern zu sehen aktivieren Sie bitte die Vollfunktion. Alle weiteren Informationen über den Umgang mit Ihren Daten lesen Sie bitte in unserer Datenschutzerklärung.