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Township Blues von Lutz Dijk. Jugendbuchempfehlung

Lutz van Dijk:

Township Blues

1. Bibliografische Angaben und Lesestufe

  • Lutz van Dijk: Township Blues. München: cbt, 2003, 160 S.
  • Lesestufe: 8.–9. Klasse

2. Inhaltsangabe

Die 14-jährige Thinasonke, genannt Thina, wird in dem Township Guguletu bei Kapstadt von jugendlichen Mitgliedern einer Straßengang überfallen, vergewaltigt und dadurch mit HIV infiziert. Sie sucht zunächst Hilfe bei ihrer Mutter; deren einzige Sorge ist jedoch, dass die Tochter schwanger sein und die Ehre der Familie gefährden könnte, was, wie sich bald herausstellt, nicht der Fall ist. Erst Thinas Lehrerin Miss Delphine nimmt ihre Ängste ernst und hilft ihr, einen HIVTest zu machen. In der Schule beteiligt sich Thina auch an einem Theaterprojekt, bei dem das Thema AIDS vorgestellt werden soll, eine Initiative, die im Township auf radikale Ablehnung stößt. Thina vermisst vor allem ihren Freund Thabang, der das Township verlassen hat, nachdem seine  Mutter an AIDS gestorben ist. Aus Furcht vor der üblen Nachrede der Nachbarn – AIDS gilt als „Krankheit des Bösen“ und „Strafe für begangene Sünden“ (S. 90) – und aus Geldmangel muss er sich und seinen kleinen Bruder als Straßenkind durchbringen.  Thina begegnet ihm zufällig bei einem Klassenausflug nach Kapstadt und kann ihn überreden, zurückzukehren und wieder zur Schule zu gehen. Thabang hält zu ihr, als sie von dem positiven Ergebnis des Tests erfährt. Unterstützung erhält sie zudem von ihrer Lehrerin, ihrer Großmutter, aber auch von ihrem großen Bruder Mangaliso, der in den 1980er Jahren nach einem Gefängnisaufenthalt unter der Apartheid- Regierung verstummt zurückgekehrt ist. Er unternimmt es, die Auseinandersetzung mit den Vergewaltigern nach der Tradition von ubuntu, einer afrikanischen Lebensphilosophie, zu organisieren. Die Mutter reagiert mit Härte und Verdrängungsstrategien. Ihr Verhältnis zu Thina bleibt vorerst äußerst gespannt und distanziert, auch wenn sich einige andere Bereiche in Thinas Leben langsam normalisieren: Eine Familienzusammenkunft kümmert sich um eine finanzielle Entschädigung, Thina lernt, offen mit der Situation umzugehen, und auch die inzwischen gewachsene Liebe zu Thabang gibt ihr Kraft.

3. Kurzinformationen zum Autor

Lutz van Dijk wurde 1955 in Berlin geboren. Er war zunächst Lehrer an einer Sonderschule in Hamburg, nach einem Zweitstudium (u. a. in Israel) und der Promotion arbeitete er im Anne-Frank-Haus in Amsterdam. Seit 2001 ist er für die von ihm mitbegründete Stiftung HOKISA (Homes for Kids in South Africa) tätig, die sich für Kinder engagiert, die ihre Eltern durch AIDS verloren haben oder selbst erkrankt sind. Van Dijk lebt in Kapstadt und Amsterdam. Weitere Jugendbücher von ihm sind u. a. Anders als du denkst. Geschichten über das erste Mal, Der Attentäter (über die Hintergründe der Pogromnacht 1938) und Verdammt starke Liebe (über homosexuelle Liebe während des Nationalsozialismus). Im Jahr 2001 veröffentlichte er Die Geschichte der Juden  und 2004 Die Geschichte Afrikas, zwei sehr anschauliche Sachbücher, im Campus-Verlag Frankfurt a. M.

4. Allgemeine Einordnung

Nach Schätzungen des AIDS-Bekämpfungsprogramms der Vereinten Nationen UNAIDS lebten im Jahr 2005 5,5 Millionen Menschen in Südafrika mit dem HI-Virus. 18,8% der erwachsenen Bevölkerung (15–49 Jahre) waren infiziert. Die Zahlen dürften inzwischen höher sein, da man von einem kontinuierlichen Anstieg – 2003 waren es noch zirka 5,3 Millionen Infizierte – ausgeht. 2005 starben 320 000 Menschen in Südafrika an AIDS – also knapp 880 pro Tag. (2006 Report on the Global AIDS Epidemic, http://www.unaids.org/en/HIV_data/2006GlobalReport/default.asp [Stand: 11/2006]) Diese Situation belastet die Regierung unter der Präsidentschaft von Thabo Mbeki in besonderer Weise, wird doch die Präsenz der Krankheit eher vertuscht. Statt einer offenen Auseinandersetzung mit AIDS scheint die offizielle Gesundheitspolitik zum Ziel zu haben, die Tragweite der Ausbreitung zu banalisieren. Auch die Bevölkerung nimmt zu großen Teilen eine Verdrängungshaltung ein. Dabei kursieren mehrere Mythen, die der weiteren Verbreitung der Seuche nur noch Vorschub leisten; so greift van Dijk in dem Roman die Vorstellung auf, dass ein HIV-Infizierter geheilt werden könne, wenn er mit einer Jungfrau schlafe. Einige Mahnworte Nelson Mandelas über den problematischen Umgang mit der ernsten Situation stellt der Autor seiner Geschichte voran: Angesichts der Bedrohung durch AIDS müssen wir über alle Meinungsverschiedenheiten hinauswachsen und alles tun, um die Menschen zu retten. Die Geschichte wird uns einmal streng beurteilen, wenn wir nicht umgehend damit beginnen. (z. n. Township Blues, S. 5) Gewidmet ist der Roman einer jungen Frau, die von Nachbarn ermordet wurde, weil sie sich am Welt-AIDS-Tag 1998 öffentlich zu ihrer HIV-Infektion bekannt hatte. Laut dem oben zitierten UNAIDS-Bericht geht die Diskriminierung von Infizierten inzwischen zwar langsam zurück, doch es gibt noch immer die Tendenz, den Status eines HIV-positiven Familienmitglieds möglichst geheim zu halten. Township  Blues wird in den siebten Klassen an südafrikanischen Schulen häufig eingesetzt, dafür wurde es ins Englische, Afrikaans und Xhosa übersetzt. Für das Buch erhielt van Dijk 2001 den Gustav-Heinemann-Friedenspreis für Kinder- und Jugendliteratur. Das Preisgeld sowie alle Autorenhonorare werden HOKISA zur Verfügung gestellt.

5. Strukturelle und sprachliche Besonderheiten

Ein wichtiges Thema des Romans ist die Aufarbeitung und Vergebung von Geschehenem. Van Dijk lässt seine Auseinandersetzung mit der südafrikanischen Politik, vor allem mit der Truth and Reconciliation Commission (Wahrheitskommission) einfließen, die eine Versöhnung der Apartheid-Opfer mit ihren Tätern einzuleiten versuchte, um ein  friedliches Weiterleben im Staat zu ermöglichen. Dazu wurde eine besondere Form der Wahrheitsfindung angestrebt: Ziel war
nicht das Finden einer „allgemeingültigen“, sondern einer „persönlichen“, einer „sozialen“ und schließlich einer „heilenden“ Wahrheit. Dabei wollte man nicht das System der Apartheid analysieren, sondern einzelne Menschen zu einer moralischen Auseinandersetzung mit ihrem Verhalten führen. Man bezog sich besonders auf die ubuntu-Tradition, eine afrikanische Form der Gemeinschaftsorientierung, in der Vergebung zum Selbstverständnis gehört. Der politische Hintergrund wird vor allem in dem Schicksal von Thinas Bruder Mangaliso angedeutet, der unter den Folgen seiner Inhaftierung unter der Apartheid leidet. Gerade er initiiert eine konstruktive Auseinandersetzung seiner Schwester mit ihren Vergewaltigern. Der Roman endet mit einer traditionellen Familienzusammenkunft, bei der über Thinas Schicksal und das Verhalten gegenüber der Täterfamilie entschieden wird. Neben diesem – deutschen Jugendlichen fremden – politisch-kulturellen Hintergrund gibt van Dijk dem Roman sein  unverkennbares Kolorit durch das Einfügen vieler Wörter in isiXhosa, einer eng mit dem Zulu verwandten Sprache, die von knapp 20% der Bevölkerung Südafrikas gesprochen wird. Die Begriffe werden im Glossar erklärt, meist aber auch schon durch den Kontext deutlich gemacht. Auch jede Kapitelüberschrift wird in dieser Sprache wiedergegeben. Insbesondere die Innensicht Thinas, der Ich-Erzählerin, erlaubt es aber den europäischen Lesern, sich mit dem Beschriebenen zu identifizieren. Die Identifikation wird dadurch ermöglicht, dass Thina auch viele Themen anspricht, die alle Jugendlichen betreffen, wie etwa die Auseinandersetzungen mit der Mutter oder erste Liebesgefühle. Die Vorwegnahme des Endes zu Beginn des Buches – Thina geht mit ihrem Freund Thabang verliebt am Strand spazieren, allerdings betrübt sie das schlechte Verhältnis zu ihrer Mutter – bietet dabei gleichzeitig den Rahmen für „Thinas Geschichte“, die sie nun aufschreiben will, um sich selbst klar zu werden über das, was geschehen ist. Damit folgt sie dem Rat ihrer Lehrerin, die sie immer wieder auffordert, sich auszusprechen. Ähnlich wie die Verarbeitung des heiklen Themas in der Form des Theaters wird auch das Schreiben als ein Akt der kreativen  Auseinandersetzung mit dem Verdrängten dargestellt. Jugendliche Leser aus Deutschland können natürlich die Idealisierung der Lehrerin sowie die Propagierung des Theaters als Aufklärungsinstrument (noch dazu gemeinsam mit einer Gruppe von weißen Jugendlichen) als aufgesetzt wahrnehmen. Diese Kritik an dem Roman wäre auch im Unterricht aufzugreifen.

6. Didaktische Anregungen

Der Roman bietet sich grundsätzlich für eine Zusammenarbeit mit dem Fach Englisch an, ist er doch in beiden Sprachen erschienen. Dabei wäre auch eine Auseinandersetzung mit dem Thema „Übersetzung“ anzuregen: Der Fremdsprachenunterricht
gibt Anregungen für eine erste grobe Rückübersetzung ins Deutsche, eine stilistisch verfeinerte Arbeit findet dann im Deutschunterricht statt. Arbeit mit Texten zu den südlichen Kontinenten soll Fremdheit nicht vertuschen. Ausgangspunkt und Ziel der unterrichtlichen Arbeit kann die Konfrontation mit den eigenen Vorurteilen sein – etwa in einem Brainstorming zum Thema „Südafrika“. Dabei wäre auch kritisch nachzufragen, ob van Dijk mit seinem Roman nicht Vorurteile bestätigt, weil er vor allem auf den Opferstatus schwarzer Menschen verweist. Es wäre dem entgegenzuhalten, dass er zum einen aus der Perspektive Thinas erzählt und zum anderen einen großen Akzent legt auf die Darstellung des moralisch überlegenen traditionellen Systems des südafrikanischen ubuntu – damit werden die dargestellten Personen als aktive Handlungsträger und nicht als Opfer präsentiert. In diesem Zusammenhang wäre z. B. eine Analyse der verschiedenen Titelbilder von Interesse; es finden sich zwei deutsche Cover (die oben angegebene Ausgabe und München: elefanten press, 2000) und das Titelbild der südafrikanischen Ausgabe  (Stronger than the Storm. Translated from German by Karin Chubb. Cape Town: Maskew Miller Longman, 2000). Während letzteres ein strahlendes schwarzes Mädchen mit zwei Blüten zeigt, sieht man auf dem Cover von elefanten press eine Schwarz-Weiß-Fotografie einer schwarzen Jugendlichen vor einer Andeutung des Townships in düsteren Grau-Braun-Tönen. Die Ausgabe von cbt ist zwar in der Farbgebung hoffnungsvoller, doch der hellblaue Himmel spiegelt sich in einer Pfütze zwischen Baracken. Das dargestellte schwarze Mädchen schaut sehr ernst. Die deutschen Ausgaben betonen also mehr den Verelendungscharakter.
Das Buch lädt natürlich zu einer Auseinandersetzung mit dem Thema AIDS ein: Wie unterscheidet sich der Umgang der Jugendlichen in Deutschland mit AIDS von der Situation in Südafrika? Wird die Seuche auch bei uns von Jugendlichen als Bedrohung gesehen oder ähnlich wie bei Thina verdrängt? Hat sie Auswirkungen auf das Sexualverhalten von Jugendlichen? Zur Klärung dieser Fragen sind insbesondere der Religions- bzw. Ethikunterricht sowie das Fach Biologie einzubeziehen. Gut einzusetzen wäre dabei die von der Fachstelle „Filme für eine Welt“ herausgegebene DVD Steps for the future. Alltag im südlichen Afrika im Zeichen von HIV/AIDS mit acht Kurzfilmen für unterschiedliche Altersstufen, die mit Begleitmaterial für den Unterricht versehen sind. Die Filme schaffen ganz unterschiedliche Bezüge zu unserem Alltag. So knüpfen sie unter anderem an das unbekümmerte Verhalten von Jugendlichen an, die durchaus über HIV/Aids im Bild sind, selbst aber nur für den Moment leben. Die Filme erzählen von Kindern, die ohne Eltern aufwachsen und auf der Strasse leben. Sie sprechen vom Leben in der Familie, von Erziehung, Aufklärung und Prävention und stellen die Frage nach traditionellen und modernen Werten. Sie greifen so intime Themen auf wie Liebe, Sex und Freundschaft, thematisieren Geschlechterrollen und schrecken auch nicht vor Fragen von Sterben und Tod zurück. Sie handeln vom Kampf für einen gerechten Zugang zu Medikamenten und Präservativen und prangern die Diskriminierung betroffener Menschen an. (http://www.filmeeinewelt.ch/deutsch/pagesmov/52011.htm [Stand: 11/2006])
Bezug und nähere Informationen unter info@ezef.de (Evangelisches Zentrum für entwicklungsbezogene Filmarbeit) oder mail@filmeeinewelt.ch. Weitere (Literatur-)Hinweise:

  • Die Hompage von van Dijks HOKISA-Projekt ist http://www.hokisa.co.za/.
  • Allgemeine Informationen zum Thema Afrika im Unterricht finden sich unter http://www.lehrer-online.de/url/afrika.
  • Die Bundeszentrale für politische Bildung hat in den Jahren 2004 bis 2006 einen Themenschwerpunkt mit dem Titel „Fokus Afrika: Africome“ durchgeführt; für Informationen siehe http://www.bpd.de/africome.
  • Das Welthaus Bielefeld (http://www.welthaus.de) bietet Unterrichtsmaterialien zum Download und zum Bestellen, darunter eine CD-Rom mit einem „Entwicklungsquiz“ (ca. 300 Fragen zur Entwicklungspolitik).
  • Carlotta von Maltzan: Literatur als Lebenshilfe? Lutz van Dijks Roman Township Blues. In: Annette Kliewer/Eva Massingue (Hg.): Guck mal übern Tellerrand. Kinder- und Jugendliteratur aus den Südlichen Kontinenten im Deutschunterricht. Baltmannsweiler: Schneider Hohengehren, 2006.


    Dr. habil. Annette Kliewer

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