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Die andere Wahrheit von Beverly Naidoo. Jugendbuchempfehlung

Beverley Naidoo:

Die andere Wahrheit

1. Bibliografische Angaben und Lesestufe

  • Beverley Naidoo: Die andere Wahrheit. Würzburg: Arena, 2005, 328 S. (aus dem Englischen von Salah Naoura, Originaltitel: The Other Side of Truth)
  • Lesestufe: 7.–8. Klasse

2. Inhaltsangabe

Sade und Femi Solaja leben in einem intellektuellen und gutsituierten Milieu in Nigeria. Ihr Vater schreibt für eine kritische Wochenzeitung. Eines Tages wird ein Anschlag durch Todesschützen des Militärregimes auf ihn verübt, bei dem seine Ehefrau stirbt. Die beiden Kinder, 12 und 10 Jahre alt, müssen noch in der Nacht fliehen, der Vater bleibt zurück, weil man ihm seinen Pass abgenommen hat – innerhalb eines Tages bricht das ganze Familienleben zusammen. Der Onkel in London, zu dem die Kinder gehen sollen, ist unauffindbar und die Schleuserin, die sie beim Flug begleitet hat, lässt sie nach der Ankunft in England einfach stehen. Sade und Femi irren zunächst durch die Stadt, werden dann aufgegriffen und erhalten ein vorläufiges Aufenthaltsrecht. Sie kommen in eine Pflegefamilie und können sogar die Schule besuchen. Es bleiben aber die Trauer über den Verlust der Mutter und die Unsicherheit über das Schicksal ihres Vaters, für den sie sich mutig einsetzen und mit dem sie schließlich wieder vereinigt werden. Die Familie darf vorerst für ein halbes Jahr in England bleiben.

3. Kurzinformationen zur Autorin

Beverley Naidoo wurde 1943 in Südafrika geboren; ihre Familie hat englische und russische Wurzeln. Schon als Studentin engagierte sie sich gegen die Apartheid und wurde als 21-Jährige acht Wochen inhaftiert. 1965 verließ sie das Land, in das sie erst 26 Jahre später wieder einreisen durfte, und ging nach England, wo sie auch heute noch lebt. Dort heiratete sie einen Südafrikaner. Für ihr erstes Buch Journey to Jo’burg bekam sie den The Other Award in Großbritannien, während es in Südafrika zunächst verboten blieb. Sie setzt sich darin mit ihrer Kindheit, insbesondere mit ihrer „zweiten Mutter“ – ihrem schwarzen Kindermädchen – auseinander, die getrennt von ihren Kindern leben musste. Mit The Other Side of Truth (Die andere Wahrheit) hat Naidoo zum ersten Mal den Schauplatz Südafrika verlassen. Das Buch wurde mit der Carnegie Medal, dem Smarties Prize und dem Arts Council Award ausgezeichnet.

4. Allgemeine Einordnung

I am interested in children who struggle against injustice and other difficulties wherever they are. Over the years I have learned about Nigeria through friends and some very fine writers. However the soldiers who stole power for many years destroyed much that was good, including people who spoke out against them. After they executed the writer Ken Saro-Wiwa, I began to think about a story which involved the children of an outspoken journalist. I wanted to explore how these children would cope with being thrown from a comfortable family in Lagos to becoming – overnight – refugees alone in London.(http://beverleynaidoo.com/questions.html [Stand: 11/2006])
Naidoo greift in ihrem Buch auf der einen Seite die diktatorischen Zustände in Nigeria auf: Nach der Unabhängigkeit 1960 waren dort hauptsächlich Militärregierungen an der Macht; den Hintergrund für die Handlung bildet die Herrschaft des Diktators General Abacha, der 1998 starb. Seit 1999 ist Olusegun Obasanjo gewählter Regierungs- und Staatspräsident, dessen People’s Democratic Party (PDP) 2003 bei Wahlen unter ungeklärten Bedingungen mit deutlicher Mehrheit erneut gewann. 2007 finden die nächsten Wahlen statt. Doch bis heute ist in dem Land keine wirkliche Demokratie erreicht, die Menschenrechtsorganisation Freedom House schätzt die Durchsetzung politischer Rechte und bürgerlicher Freiheiten auf einer Skala von 1 bis 7 bei 4 und Nigeria insgesamt als ein „partly free country“ ein (http://freedomhouse.org/template.cfm?page=15&year=2006 [Stand: 11/2006]). Amnesty International kritisiert die Verletzung von Menschenrechten, vor allem im Norden des Landes, wo das Rechtssystem der muslimischen Scharia gilt. Auch heute gibt es Verfolgung von Journalisten und Pressevertretern (vgl. z. B. http://www.reporter-ohne-grenzen.de). Auf der anderen Seite schreibt Naidoo aber auch über die unterschwellige Unterstützung
diktatorischer Regime der südlichen Kontinente durch die Obrigkeiten der westlichen Demokratien. Hier kritisiert sie vor allem die Lebensbedingungen von Flüchtlingen, die auch in den demokratischen Gesellschaften als Eindringlinge angesehen werden. Für Die andere Wahrheit hat die Autorin, die sich vor dem Schreiben ihrer Bücher immer intensiven Studien vor Ort widmet, mehrere Monate mit Flüchtlingskindern in London gearbeitet.

5. Strukturelle und sprachliche Besonderheiten

Das Thema „Wahrheit“ zieht sich leitmotivisch durch das ganze Buch. Der Vater muss sich als Journalist – noch dazu in einem Land ohne Pressefreiheit – mit Fragen von Lüge und Wahrheit auseinandersetzen und hat dazu eine gefestigte Meinung: „Die Wahrheit ist eben die Wahrheit. Wie könnte ich etwas schreiben, das nicht stimmt?“ An diesen Spruch muss sich Sade mehrmals erinnern (S. 12, 211), aber auch an Ansichten ihrer Mutter zum Thema (z. B. S. 193). Als illegale Einwanderer ist es für die beiden Kinder jedoch nicht immer einfach, bei der Wahrheit zu bleiben, wie man es ihnen in ihrem Elternhaus beigebracht hat. Unter dem Druck zweier Mitschülerinnen gerät Sade selbst in den Strudel der Lüge: Sie stiehlt etwas aus dem Laden der Familie ihrer neuen Freundin Mariam. Dies belastet sie fast genauso wie die Situation ihres Vaters, dem die britische Regierung nicht glaubt, dass er in Nigeria direkter Todesbedrohung ausgesetzt ist. Allmählich lernt Sade, dass die Wahrheit verschiedene Seiten hat, dass sie nicht immer siegt, es sich aber lohnt, für sie zu kämpfen. Dabei wird schon durch die personale Erzählperspektive aus der Sicht von Sade klar, dass gerade die Kinder nur eine begrenzte Sicht auf die politischen Vorgänge haben. Sie fühlen sich vor allem überfordert von den zerstörerischen Kräften, die ihre bürgerliche Idylle bedrohen und sie dazu herausfordern, sich wie Erwachsene zu verhalten. Besonders Sade wird durch die Verantwortung, die sie gegenüber ihrem kleinen Bruder hat, schnell in eine Rolle gedrängt, die sie stark belastet. Um die fremde Umgebung zu bewältigen, gibt sie allen Erwachsenen, die ihr begegnen, kindliche Namen (Mr Handy, Mr Siebenuhr, Falkenfrau, ... ). Besonders auffällig sind die inneren Stimmen Sades (im Text durch Kursivdruck abgehoben), die sie mit den Anforderungen der Erwachsenen konfrontieren. Meistens erinnert sie sich an die Vergangenheit in Afrika. Sie hört, was ihre Eltern zu bestimmten Situationen gesagt hätten, und rekonstruiert sich afrikanische Märchen oder Weisheiten, die die neuen Herausforderungen erklären könnten. Das Leben in England ist für die beiden Kinder zwar fremd, weniger aber wegen der kulturellen Unterschiede, wie wohl die deutschen Leser erwarten würden. Der latente oder offene Rassismus, der pikanterweise in der Schule von einem Mädchen aus Jamaika ausgeübt wird, taucht eher am Rande auf. Völlig neu für Sade und Femi, die aus einem sehr behüteten Elternhaus kommen, ist vielmehr die Erfahrung einer ungesicherten Existenz.

6. Didaktische Anregungen

Ein wichtiger Aspekt ist die Auseinandersetzung mit dem Thema „Flucht“. Dazu lohnt es sich, Kontakt aufzunehmen mit dem Förderverein PRO ASYL e. V. (http://www.proasyl.de), der Flüchtlinge in Deutschland unterstützt. Das Internationale Flüchtlingshilfswerk UNHCR bietet eine DVD mit dem Titel Flüchtlinge schützen kostenlos für den Gebrauch an Schulen an (Bestellung unter gfrbe@unhcr. org). Zu sehen sind mehrere Kurzfilme (darunter Porträts von jugendlichen Flüchtlingen) für verschiedene Altersstufen. Auch die vergleichende Lektüre mit anderen Jugendbüchern zu diesem Thema bietet sich an: Welche Gemeinsamkeiten bzw. Unterschiede lassen sich in dem Leben der Flüchtlinge finden? Wie sieht die Gesetzgebung in Deutschland aus? Warum fliehen Menschen? Welche Unterstützung bzw. Repression erfahren sie jeweils? Dazu können verschiedene Spezialistengruppen gebildet werden, die sich mit den folgenden Büchern auseinandersetzen:

  • Andruetto, María Teresa: Stefanos weite Reise. Zürich: Atlantis, 2003. Stefano emigriert in den 1930er Jahren aus dem italienischen Piemont nach Argentinien.
  • Baksi, Mahmut/Clason, Elin: In der Nacht über die Berge. München: dtv junior, 2001. Eine kurdische Familie flieht nach Schweden.
  • Egli, Werner J.: Tunnelkids. München: cbt, 2004. Mexikanische Jugendliche fliehen in die USA. Das Buch eignet sich aber wegen der Darstellung der Grausamkeiten im Kampf ums Überleben erst ab einem Alter von ca. 14 Jahren.
  • Jansen, Hanna: Über tausend Hügel wandere ich mit dir. München: Knaur TB, 2003. Jeanne gelingt es, aus dem Bürgerkrieg in Ruanda nach Deutschland zu fliehen. Ihre Pflegemutter schreibt mit ihr zusammen den authentischen Bericht dieser Flucht.

Des Weiteren ist natürlich eine Auseinandersetzung mit Nigeria lohnenswert. Nigeria ist ein wichtiges Land für die Literatur Afrikas, unter anderem bekam 1986 der Nigerianer Wole Soyinka als einer der ersten Afrikaner den Nobelpreis. Seine Autobiografie Aké (Zürich: Ammann, 2003) ist für die Hand des Lehrers eine wichtige Ergänzung, um den kulturellen Hintergrund besser einschätzen zu können. Eine ganz andere, heute nicht mehr aktuelle Welt stellt der Romancier Cyprian Ekwensi in Der Wanderzauber (Frankfurt/Main: Fischer, 1998) dar, das 1962 erschien und beispielhaft die traditionellen Erzählstrukturen der nomadischen Fulbe-Kultur aufgreift. Dieses Buch wurde auch als Jugendbuch rezipiert und lässt sich auszugsweise im Unterricht zum Vergleich lesen (vgl. Annette Kliewer: Unterrichtsentwurf zu Cyprian Ekwensi: Der Wanderzauber. In: Schatzinseln für die Schule 3. Unterrichtsentwürfe für die Jahrgangsstufen 6–11. Frankfurt: Fischer, 1999, S. 177–196). Die Schüler können im Internet über die Situation der Menschenrechte und der Pressefreiheit in Nigeria recherchieren. Außer den oben genannten Links bietet sich für den Unterricht ein Opferbericht einer bekannten nigerianischen Journalistin, Chris Anyanwu, an. Als Herausgeberin der Zeitung The Sunday Magazine war sie von 1995–1998 wegen „Veröffentlichung falscher Angaben“ in einem Artikel über einen angeblichen Putschversuch in Nigeria inhaftiert (vgl. http://www.bdzv.de/701.html [Stand: 11/2006]).
Das Auswerten der Informationen zu Nigeria, der Menschenrechtssituation in Afrika und zu Beverley Naidoo aus dem Internet kann in englischer Sprache erfolgen, möglich sind in Zusammenarbeit mit dem Englischunterricht darüber hinaus Übersetzungsvergleiche zwischen der Ursprungsfassung und der deutschen Übersetzung.
Weitere Literaturhinweise:

  • Andersen, Uwe (Hg): Afrika. Eine Einführung. Schwalbach/Ts.: Wochenschauverlag, 2003.
  • Poenicke, Anke: Afrika realistisch darstellen: Diskussionen und Alternativen zur gängigen Praxis – Schwerpunkt Schulbücher –. Hg. v. der Konrad- Adenauer-Stiftung e. V., Sankt Augustin, 2003 (Zukunftsforum Politik Nr. 55). Im pdf-Format online verfügbar unter http://www.kas.de/publikationen/2003/2019_dokument.html [Stand: 11/2006].

Dr. habil. Annette Kliewer

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