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Marsmädchen. Jugendbuchempfehlung

Tamara Bach:

Marsmädchen

1. Bibliografische Angaben und Lesestufe

  • Tamara Bach: Marsmädchen. München: dtv junior, 2005, 192 S.
  • Lesestufe: 7.–10. Klasse

2. Inhaltsangabe

Die Ich-Erzählerin Miriam ist 15 Jahre alt und lebt in einer Kleinstadt. Im Sommer ist das genau der richtige Ort, um auf einer Wiese zu liegen oder im Baggersee zu baden. Doch im Winter ist es dort eng und eintönig. Dann ist jeder Tag gleich, Miriams Mutter wird zur lästigen, streitsüchtigen Person und selbst die zwei besten Freundinnen erscheinen plötzlich flach und bedeutungslos. Zu solchen Zeiten will Miriam nur noch raus aus der Stadt und in einer Großstadt ihr Leben endlich selbst in die Hand nehmen.
Doch dann lernt Miriam Laura kennen und die Welt beginnt sich wieder zu drehen. Laura, die Neue in der Klasse, ist zwar nicht so schön und begabt wie ein anderes Mädchen aus der Oberstufe. Aber dafür ist sie selbständig und fast erwachsen, weil ihre Mutter sie oft wochenlang allein lässt. Laura macht, was sie will: Wenn sie Lust zum Tanzen hat, organisiert sie sich jemanden, der sie in die nächste größere Stadt fährt, wenn sie einen Ausflug machen möchte, steigt sie in einen Zug und fährt weg, und wenn sie Miriam küssen will, küsst sie eben Miriam.
Die Küsse erschrecken Miriam nicht, sondern lassen sie auf Wolke sieben schweben. Endlich ist sie das erste Mal verliebt! Und plötzlich scheint alles in ihrem Leben wunderbar zu sein: Laura liebt Miriam und Miriam liebt Laura. Auch wenn Miriam Zweifel hat: Ist es richtig, in ein Mädchen verliebt zu sein? Bin ich lesbisch oder ist das eine einmalige Angelegenheit? Bin ich normal? Muss ich meine Liebe zu Laura verheimlichen? Werde ich von meinen Freundinnen und meiner Familie so akzeptiert, wie ich bin? Miriam würde gerne mit Laura über ihre Liebe reden, doch Laura, die sonst keine Probleme damit hat, zu äußern, was sie denkt und fühlt, weicht Miriam plötzlich aus. Eines Tages kommt sie einfach nicht mehr in die Schule. Nur Philipp, ein gemeinsamer Freund der Mädchen, weiß, wohin Laura verschwunden ist: nach Köln zu ihrem Vater und ihrer kleinen Schwester. Das einzige, was Miriam von Laura bleibt, ist ein nach Tagen eintreffender Brief, der das leere Versprechen enthält, sich zum Abschied noch einmal zu treffen.

3. Kurzinformationen zur Autorin

Tamara Bach, 1976 in Limburg geboren, studierte Germanistik und Anglistik an der FU Berlin. Mit 17 Jahren nahm sie zum ersten Mal am renommierten „Treffen junger Autoren“ teil. Neben ihrem Studium arbeitete sie für das Fernsehen und schrieb Jugendtheaterstücke.
Ihr Debütroman Marsmädchen bekam 2002 den Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis für das beste unveröffentlichte Manuskript. 2003, als das Buch beim Oetinger-Verlag erschien, wurde es gleich mit drei Medienpreisen bedacht (Eule des Monats, LUCHS, Die besten 7 Bücher für junge Leser) und 2004 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Tamara Bachs zweiter Jugendroman Busfahrt mit Kuhn erschien 2004 und wurde 2005 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

4. Allgemeine Einordnung

Der Roman erfüllt beinahe in prototypischer Weise die Anforderungen, die an didaktisches Lesen gestellt werden: Er fördert die Selbsterkundung und Identitätsentwicklung der jugendlichen Leser. Marsmädchen ist eine Initiationsgeschichte, ein Coming-of-Age-Roman, der die Probleme mit der Pubertät im Allgemeinen (Wer bin ich? Was will ich?) und im Besonderen (Umgang mit Sexualität, Homosexualität) schildert. Die Autorin packt diese Probleme in einfache, gut nachvollziehbare Bilder. Die Heimatstadt, die plötzlich zu eng wird, die erste, schlecht selbstgedrehte Zigarette, das Schulklo als geheimer Treffpunkt. Die Leser können sich selbst fragen: Welche Probleme habe ich mit dem Erwachsenwerden? Welche Riten vollziehe ich, um mir und den anderen meine Selbstständigkeit zu beweisen? Wie ist meine Beziehung zu meinen Freunden, meinen Eltern und zu mir selbst?
Auch wenn der Roman das heutige Leben Jugendlicher in einer Kleinstadt beschreibt, eignet er sich trotz des darin beschriebenen Kleinstadtmiefs auch für großstädtische jugendliche Leser. Denn wie die meisten Jugendlichen pendelt die Ich-Erzählerin zwischen Größenphantasien und dem Gefühl des Eingesperrtseins hin und her. „This small town hasn’t got room for my big feelings“ (eine Liedzeile von Björk) stellt die Autorin als Zentralmotiv an den Anfang ihres Romans und gibt damit gleich die Richtung der Interpretation an: Die kleine Stadt steht symbolisch für die fehlende Möglichkeit, sich zu erproben, für die Abhängigkeit der Ich-Erzählerin von den Eltern und Erwachsenen, der Sehnsucht nach dem Ausbruch aus vorgegebenen Strukturen und nach Selbstständigkeit und Freiheit. Damit können sich Jugendliche, egal ob sie in einer Klein- oder Großstadt aufwachsen, gut identifizieren.

5. Strukturelle und sprachliche Besonderheiten

Das Buch ist in drei Teile gegliedert, die wiederum in einzelne Kapitel aufgeteilt sind. Im ersten Teil „Is there anybody out there?“ schildert Tamara Bach die Enge und Eintönigkeit der Stadt und die Sehnsüchte der Ich-Erzählerin im Teenageralter, aus dieser Enge auszubrechen. Die Charaktere und der Ort der Handlung werden vorgestellt. Im zweiten Teil „It’s life, but not as we know it“ steht die Liebe zwischen Miriam und Laura im Vordergrund. Beide Protagonistinnen werden bis an ihre Grenzen geführt, eine Krise wird eingeleitet. Laura gibt Miriam zweideutige Signale zwischen Begehren und Ablehnung. Es gibt Andeutungen, dass Laura ihre letzte Liebe noch nicht vergessen hat („Ich hab gelogen, Mi. Weißte, ich war schon mal verliebt.“, S. 130). Miriam, die zum ersten Mal verliebt und vollauf mit diesem neuen Gefühl beschäftigt ist, kann diese Zweideutigkeit nicht entschlüsseln (wie auch der Leser nicht mit völliger Sicherheit). Für sie kommt es deshalb im dritten, nur acht Seiten umfassenden Teil „The big bang“ zum besagten Knall und zum stummen Hinterfragen des bisherigen Geschehens. Lauras abruptes, wortloses Verschwinden lässt eine große Leere bei Miriam entstehen.
Trotz des unterschiedlichen Umfangs sind die Teile inhaltlich ungefähr gleich stark zu gewichten. Sie sind chronologisch aufeinander aufgebaut und enthalten keine Sprünge oder Rückblenden. Trotzdem lässt der dritte Teil die beiden ersten in einem ganz neuen Licht erscheinen und kann somit als Ausgangspunkt der Interpretation angesehen werden. Denn die als selbständig und direkt vorgestellte Laura verschwindet im dritten Teil plötzlich wortlos. Dadurch werden mehrere Fragen aufgeworfen, die eine genauere Analyse der ersten beiden Teile verlangen: Ist Laura gar nicht so selbständig, wie es auf den ersten Blick erscheint? Warum verschwindet Laura plötzlich? Hat es etwas mit ihrer komplizierten Liebe zu Miriam zu tun oder ist es völlig unabhängig davon? Wann und warum versagt zwischen Laura und Miriam die Kommunikation?
Um diese Fragen beantworten zu können, muss der Leser nochmals zurückgehen und die Zeit vor dem „big bang“ hinterfragen. Und plötzlich fällt auf, dass Laura schon die ganze Zeit verschlüsselte musikalische Botschaften ausgesandt hat. Bereits beim ersten gemeinsamen Discobesuch mit Miriam tanzt und singt Laura zu dem Lied Girl from Mars von der Gruppe Ash: „I still remember the girl from mars.“ (S. 71) Am Ende des Romans, als Miriam in derselben Disco vergeblich auf Laura wartet, wird wieder dieses Lied gespielt und noch eine weitere Zeile erwähnt: „I still remember you girl from mars. I still love you girl from mars.“ (S. 192) Das Lied könnte sich auf Miriam beziehen – und auf das Ende vorausdeuten – oder aber auf Lauras vorherige Liebe. Als die Situation zwischen Miriam und Laura schon komplizierter ist und Laura sich zu entziehen beginnt, singt sie die Zeilen „waiting here for you“ und „wanting to tell you“ aus dem Song High Life von den Counting Crows, so leise, dass Miriam sie „nicht richtig verstehen“ (S. 122) kann. Miriam erkennt zwar, dass die Freundin ihr mit den Liedern etwas mitteilen möchte, aber nicht genau, was. Stattdessen nimmt sie Laura eine Kassette mit All I want is you von U2 auf.
Tamara Bachs Stil ist eine uneigentliche Sprechweise, bei der die Protagonistinnen wesentliche Gedanken und Gefühle nur andeuten oder sogar explizit zum Geheimnis erklären:

  • Vielleicht ist das jetzt eine Liebesgeschichte. Eine Affäre. Nein. Keine Affäre. Es ist ein Geheimnis. Laura und ich sehen uns jeden
    Tag in der Schule. Mehr nicht. Ihre Mutter ist wieder da. „Ich komm heute bei dir vorbei“, sagt sie, kommt dann aber doch nicht.
    Keiner muss was wissen. Das, was es ist, ist nur für uns beide.
    „Du und ich“, sagt Laura und küsst mich auf die Nasenspitze, bevor Suse und Ines ankommen. Zu Hause warte ich auf sie. (S. 173)

Das, was die Protagonistinnen einander mitteilen wollen, drücken sie nicht sprachlich aus. So entstehen ununterbrochen fiktionale Leerstellen, die den Leser dazu auffordern, weiterzudenken. Diese verschlüsselte Kommunikation ist charakteristisch für die Gedankenwelt und Sprache Jugendlicher. In der Übergangsphase vom Kind zum Erwachsenen fehlen ihnen plötzlich die Worte, Gefühle können häufig nicht mehr verbalisiert oder nur noch mithilfe von Phrasen oder Liedzeilen ausgedrückt werden. Die zahlreichen Dialoge im Roman verstärken diesen Eindruck paradoxerweise noch:

  • „Ihr wart im Austerhaus?“, fragt Ines.
    „Ja“, sagt Laura.
    „Und wie war’s?“
    Suse ist still.
    „Gut. Nicht?“ Laura schubst mich an.
    „Mmhhmmh.“ Kann alles heißen. Kann auch Milch kaufen heißen. (S. 81)

Das, was nicht gesagt wird, wird zum wesentlichen Aussagetext. Innere Monologe werden von Bach durch vorgestanzte Fragebögen oder imaginäre Psychotests ersetzt, Kommunikation durch Singen oder Musik-Tapes hergestellt. Durch diese Erzählweise gelingt es Tamara Bach, in klaren, unkomplizierten Sätzen darzustellen, dass sich das Leben nicht in einfache Sätze packen lässt.

6. Didaktische Anregungen

Die dialogische Schreibweise, die von fiktionalen Leerstellen lebt, legt eine
handlungs- und produktionsorientierte Herangehensweise nahe. Als Grundlage
des Textverständnisses ist es von Vorteil, zuerst die Leerstellen durch eine Textanalyse
herauszuarbeiten.
Nun folgen einige konkrete Beispiele für die Umsetzung im Unterricht.

Reflexiv-analytische Herangehensweise

  • Charakterisierung von Laura und Miriam
    Hier bietet es sich an, den letzten Teil des Buches gemeinsam zu lesen und Laura und Miriam in Hinblick auf ihre jeweilige
    Entwicklung zu charakterisieren: Laura als anfänglich selbstbewusste Person hat letztlich nicht den Mut, sich von Miriam
    zu verabschieden; Miriam dagegen ist anfangs ängstlich, steht dann aber mutig zu ihrer Liebe.
  • Homosexualität und Toleranz
    Die Lust auf Selbstständigkeit und Ausbruch aus vorgefertigten Strukturen gipfelt in Marsmädchen in der Liebe zwischen
    Miriam und Laura. Hiervon ausgehend lassen sich die Themen Liebe, Sexualität, Erwachsenwerden im Allgemeinen und
    Homosexualität im Besonderen behandeln: Was ist Homosexualität? Bin ich Andersartigem gegenüber tolerant und wenn
    nicht, warum nicht? Wie stehen wir zu homosexuellen Paaren? Grenzen wir sie aus und wenn ja, warum? Bin ich selbst
    anders als die anderen und stehe ich dazu? Inwieweit müssen oder können meine Eltern in meinen Selbstfindungsprozess
    einbezogen werden? Als Einstieg in die Themen kann man das 15. Kapitel des ersten Teils lesen und die eigene Meinung
    dazu aufschreiben lassen.
  • Analyse der Kommunikation
    Die uneigentliche Sprechweise lädt außerdem dazu ein, über verbale und nonverbale Kommunikation nachzudenken.
    Warum können Miriam und Laura nicht offen über ihre Gefühle reden? Welche Kommunikationsprobleme entstehen
    durch die Andersartigkeit und welche sind unabhängig davon? Wie kann man Sprache einsetzen, um sich zu verstehen?
    Genügt es, andere (zum Beispiel Musikgruppen) für sich reden zu lassen?

Handlungs- und produktionsorientierte Herangehensweise

  • Rollenspiel
    Miriam erzählt der Mutter, dass sie sich in ein Mädchen verliebt hat. Wie reagiert die Mutter? (S. 177 f. ist hierbei hilfreich,
    allerdings beantwortet die Mutter an dieser Stelle nur eine hypothetische Frage)
  • Briefe verfassen
    von Miriam an Laura: Warum ist sie gegangen? Was geht in ihr vor? von Laura an Miriam: Erklärungsversuch, warum sie
    gegangen ist (geht über die Handlung hinaus)
  • Versuche, anders zu kommunizieren
    Die Schüler schreiben ein neues Kapitel, in dem Laura und Miriam offen über ihre Liebe, Sorgen und Probleme mit ihren
    Müttern und ihrer Umgebung sprechen. Wie hätte der Roman dann fortgesetzt werden müssen?
  • Bedeutung der Musik
    Die Schüler spielen im Unterricht ihre eigenen Lieblingssongs vor und erklären, was ihnen diese bedeuten. Inwieweit
    ersetzen Lieder eigene Worte? Was macht Musik mit mir?

Empfohlen von Annette Kautt

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