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Crazy. Jugendbuchempfehlung

Benjamin Lebert:

Crazy

Zurzeit kann man auf verschiedenen Internetseiten in einigen hundert Leserrezensionen nachlesen, wie begeistert ein vornehmlich jugendliches Publikum Leberts Roman aufgenommen hat. Stellvertretend soll hier die Einschätzung einer 16-jährigen Schülerin stehen: Mich hat das Buch total fasziniert, weil ich noch nicht viele Bücher in diesem Sprachstil gelesen habe. Ich bin selber gerade erst 16 Jahre alt und finde es gut, dass ein nur ein Jahr älterer Junge mit seinen Problemen und Gedanken auf diese Art fertig wird. Da ich auch Probleme habe, die
jeder Jugendliche hat, kann ich dem Buch mitfühlen [sic] und habe quasi schwarz auf weiß, dass jeder – egal ob Mädchen oder Junge – irgendwann mal ähnliche Probleme hat. Mehrere Stellen kann ich mit meinem Leben vergleichen, denn das Leben ist – gerade in diesem Alter – einfach CRAZY. http://de.geocities.com/benjaminlebert/File/kritik.htm, Stand: April 2006)

1. Bibliografische Angaben und Lesestufe

  • Benjamin Lebert: Crazy. München: Goldmann, 2001, 176 S.
  • Lesestufe: 8.–10. Klasse

2. Inhaltsangabe

Der autobiografisch gefärbte Roman schildert aus der Sicht des 16-jährigen Protagonisten und Ich-Erzählers Benjamin (Benni) Lebert die Erkenntnisse und Erfahrungen, die dieser während eines halbjährigen Internataufenthalts macht. Im Internat Schloss Neuseelen in Bayern soll Benni, der seit seiner Geburt an einem Halseitenspasmus leidet und bereits an vier Schulen gescheitert ist, die 8. Klasse und möglichst auch das Abitur bestehen. Das Leben im Internat wird nur kurz am Beispiel einer Mathestunde und der Essensausgabe geschildert, wichtiger sind für Benni die außerschulischen Erlebnisse. Er schließt sich der Clique seines Zimmermitbewohners Janosch an. Trotz seiner Behinderung wird Benni von den anderen Schülern schnell akzeptiert, da alle mit Integrationsproblemen zu kämpfen haben. Benni und seine Clique haben Angst vor dem Leben, vor den Erwartungen, die an sie gestellt werden, aber sie wollen zugleich auch selbst aktiv ihr Leben gestalten. So findet das eigentliche Lernen nach dem Unterricht statt, bei der gemeinsamen Suche nach dem „Faden“ des Lebens: „Jugend ist ein einziges großes Fadensuchen.“ (S. 65) Zwei Ereignisse stehen bei dem Versuch der Jungen, erwachsen zu werden, im Mittelpunkt: der verbotene nächtliche Besuch im Mädchentrakt des Internats, wo viel Alkohol getrunken wird und Benni seine ersten sexuellen Erfahrungen macht, und der genauso wenig erlaubte Ausflug der Clique nach München. Dort lernen sie einen ehemaligen Internatsschüler kennen, der sie mit in ein Striptease-Lokal nimmt. Bei diesem Ausflug werden die Jungen aber auch mit dem Erwachsensein jenseits von Sex, Alkohol und Freiheit, mit Einsamkeit und Tod, konfrontiert. Der Roman endet damit, dass Benni das Internat zum Schuljahresende verlassen muss: Er hat die 8. Klasse wieder nicht bestanden. Aber er ist erwachsener geworden und sieht seiner Zukunft optimistisch entgegen.

3. Kurzinformationen zum Autor

Benjamin Lebert, geboren 1982 in Freiburg i. Br. und aufgewachsen in München, stammt aus einer Journalistenfamilie: Seine Großmutter ist Brigitte-Autorin; Vater, Onkel und Großvater sind bekannte Münchner Journalisten. Sein Vater, heute Brigitte-Chefredakteur, gründete das SZ-Magazin und das Ressort Leben der ZEIT. Wie der Ich-Erzähler in Crazy ist Benjamin Lebert halbseitig gelähmt und hatte bis zu seinem 21. Lebensjahr noch keinen Hauptschulabschluss. Crazy ist sein erster Roman, den er mit 16 Jahren veröffentlichte und der schnell zum Bestseller wurde. 2003 erschien sein zweiter Roman Der Vogel ist ein Rabe. Daneben schreibt er gelegentlich Texte für das Jugendmagazin der SZ und wöchentlich eine Kolumne für den Berliner Tagesspiegel.

4. Allgemeine Einordnung

Bei den jugendlichen Lesern kommt der Roman gut an, weil der Ich-Erzähler von den Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens aus der Sicht und in der Sprache eines 16-Jährigen, also eines „Betroffenen“, erzählt. Hier bieten sich dem Deutschunterricht viele Ansatzpunkte. Lebert arbeitet mit den bekannten Versatzstücken der literarischen Internatsgeschichten und lehnt sich auch stark an Salingers Fänger im Roggen an. Allerdings spiegeln seine Schilderungen der Schwächen und Stärken der Hilflosigkeit heute 16-Jähriger im Spannungsfeld von Elternerwartung, Schul- und Leistungsdruck sowie ihre Imitation des vermeintlichen Erwachsenenverhaltens in einer „von medialer Modernität und Effekthascherei“ wohltuend befreiten Art einen „Erlebnisbereich“ wider, den seine gleichaltrigen Leser mit ihren Lebenserfahrungen bestens verbinden können (Zitate von Hans-Peter Tiemann, in: in/Deutsch, 3/2000, S. 4). Da das ganze Geschehen zudem noch von einem vermeintlichen Außenseiter erzählt wird, liegt auch die Behandlung der Themen Außenseitertum und Umgang mit Behinderten/Behinderungen nahe.

5. Strukturelle und sprachliche Besonderheiten

Crazy umfasst 176 Seiten und ist in 16 Kapitel aufgeteilt. Die Handlung erstreckt sich ungefähr über ein halbes Schuljahr. Allerdings werden immer wieder Zeiträume übersprungen und nur zwei größere Ereignisse genauer geschildert: der Besuch im Mädchentrakt und der Ausflug nach München. Als drittes, allerdings weniger relevantes Ereignis, könnte man noch die Mutprobe im Gespräch mit der Sexualtherapeutin erwähnen. In die Handlung sind Bennis Erinnerungen an früher und an seine Familie sowie sogenannte „philosophische Gespräche“ der Freunde, etwa über das Leben und dessen Sinn (S. 101 f., S. 129 f.), Gott (S. 121), Freundschaft (S. 133) und Tapferkeit (S. 145), eingestreut. Hier erleben die jugendlichen Leser „intime Szenen des Diskurses und der Verständigung zwischen Gleichaltrigen“ (Tiemann, ebd.). Leberts Sprache ist parataktische Prosa mit recht umfangreichem Wortschatz, aber gut verständlichem Vokabular, die zuweilen, besonders wenn es um Sexualität geht, auf ein sehr niedriges Sprachniveau abfällt. Insgesamt macht es dieser Stil den gleichaltrigen Lesern sehr leicht, Bennis Lebensgeschichte und seinen Anliegen ohne großen Interpretationsaufwand zu folgen.

6. Didaktische Anregungen

Anregungen für eine Behandlung im Deutschunterricht liefert die Lektüre von Crazy zuhauf. Natürlich muss man das Erwachsenwerden, das Hauptthema des Romans, ausführlicher thematisieren. Dazu gehören die Entdeckung des anderen Geschlechts und erste sexuelle Erfahrungen. Besonders bei Bennis Schilderung seines ersten Geschlechtsaktes, aber auch bei seinen Erlebnissen im Striptease-Lokal bedient sich der Autor einer z. T. recht zotigen Sprache; Frauen werden auf recht ordinäre Weise auf das Geschlechtliche reduziert. Gerade die Schülerinnen könnten sich durch diese Herabwürdigung des Weiblichen zum bloßen Sexualobjekt unangenehm berührt fühlen. Im Unterricht sollte daher darauf eingegangen werden, ob Jungen auch in der Realität Mädchen so einschätzen, aber auch auf die Fragen, warum das Sexuelle im Roman bzw. im Denken der Romanfiguren eine so große Rolle spielt und wieso das Geschlechtliche in dieser Weise geschildert wird. Interessant wäre es in diesem Zusammenhang, Leberts Darstellung des „ersten Mals“ mit der Schilderung einer ähnlichen Situation aus einem Roman der Trivial- oder Hochliteratur, einem Liebesgedicht oder einem anderen Text über Liebe zu vergleichen. So ergäbe sich auch eine gute Möglichkeit, den Erotik- und Liebesdiskurs schülerfreundlich aufzuarbeiten. Zu erwachsenem Benehmen gehört, so die Meinung von Bennis Clique, neben Sex auch der Konsum von (viel) Alkohol. Hier könnte der Unterricht ebenfalls ansetzen. In Zusammenhang mit dem Erwachsensein jenseits von Klischeevorstellungen könnte man die philosophischen Gespräche behandeln und die  Wünsche und Sehnsüchte der Jugendlichen mit der Realität konfrontieren. Die Gespräche lassen sich aber auch gut mit den Aussagen der klassischen Philosophie vergleichen, etwa mit den Ausführungen der Epikureer. Hierzu könnte das entsprechende Kapitel aus Jostein Gaarders Roman Sofies Welt herangezogen werden. Natürlich bietet sich ein Vergleich zwischen dem Roman Crazy und der gleichnamigen Romanverfilmung aus dem Jahr 2000 (Drehbuch und Regie: Hans-Christian Schmid) an, wobei die Unterschiede und besonders die neue Schlussszene analysiert werden können. Schließlich wäre in leistungsstärkeren höheren Klassen auch die Thematik der Vermarktung eines Romans zum Bestseller ein interessantes Unterrichtsthema. Hier könnte z. B. ausgehend von unterschiedlichen lobenden und kritischen Rezensionen Fragen nach den Wirkungsmechanismen des heutigen Literaturbetriebs nachgegangen werden. Mögliches Unterrichtsbeispiel Neben der Problematik des Erwachsenwerdens mit dem Loslösen vom Elternhaus und der Suche nach neuen Peergroups ist Außenseitertum ein wichtiges Thema des Romans. Auch Troy, ein Junge aus der Clique, verändert sich wie Benni im Laufe des Romans. Dank des Gesprächs mit dem einfühlsamen Benni öffnet er sich und erzählt, dass er aus Angst vor dem Leben Bettnässer ist und sich dadurch als Außenseiter fühlt. Durch dieses Gespräch findet er den Mut, über seinen Schatten zu springen (vgl. S. 94) und sich von seiner Angst und Abkapselung zu befreien. Die Schüler sollen an der Figur Troy diese Entwicklung erkennen und die Gründe für die Wende in seinem Leben erarbeiten. Eine entsprechende Unterrichtsstunde könnte folgendermaßen aufgebaut sein:

1. Ein-/Hinführung
In einem (u. U. lehrergelenkten) Unterrichtsgespräch wird die Frage nach den interessantesten Figuren des Romans aufgeworfen und dabei Troy in den Mittelpunkt der Diskussion gestellt.

2. Erarbeitungsphase I
Die Schüler sollen nun in Gruppenarbeit einen Steckbrief von Troy erstellen; eine Gruppe konzentriert sich dabei auf die Zeit vor (vgl. u. a. S. 23, 27, 50,86 f.) und die andere auf die nach seiner Wandlung (vgl. etwa S. 92–94, 152, 162).

3. Sicherung
Die Steckbriefe werden vorgestellt und an der Tafel bzw. an einer Pinnwand festgehalten.

4. Vertiefung
Nun stellt sich die Frage, warum sich Troy verändert hat. Die Schüler werden auf das Gespräch zwischen Troy und Benni (S. 86–94) verwiesen und sollen ihre Kenntnisse, Interpretationen und Meinungen dazu äußern.

5. Erarbeitungsphase II
Da das Gespräch zwischen Benni und Troy sehr intim ist, bietet es sich an, die Schüler einen Tagebucheintrag Troys zu dem entsprechenden Tag schreiben zu lassen. Hierbei müssen sie das Gespräch nochmals durcharbeiten und aus Troys Sicht darstellen. Sie sollen sich aber auch in Troy hineinversetzen und seine Gefühle, Befürchtungen, Ängste und Hoffnungen selbst weiterentwickeln und (fantasiereich) darstellen.

6. Sicherung
Die Schüler lesen ihre Ausführungen zu Troys Tagebuch vor (wobei der Lehrer hier eine Auswahl treffen muss).

7. Vertiefung
Zum Schluss wird nochmals auf den Stundenbeginn zurückgegriffen und diskutiert, inwieweit man Troy nun als eine interessante/die interessanteste Figur des Romans bezeichnen kann.


empfohlen von Volker Krischel

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