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Abgezockt von Andreas Schlüter. Jugendbuchempfehlung

Andreas Schlüter:

Abgezockt!

1. Bibliografische Angaben und Lesestufe

  • Andreas Schlüter: Abgezockt! Würzburg: Arena, 2004, 242 S.
  • Lesestufe: ab 8. Klasse

2. Inhaltsangabe

Personen

  • Bertram: Gymnasiast, 14 J., geordnete familiäre Verhältnissen
  • Peter: 14 J., problematische häusliche Verhältnisse, Hauptschüler, Schulschwänzer, Kleinkrimineller, gewaltbereit
  • Egmont: Gymnasiast, 14 J., Freund Bertrams
  • Vanessa: Peters Schwester, träumt von schnellem Reichtum, notfalls auch durch Prostitution
  • der „Vize“: regionales Oberhaupt der Abzocker-Clique, brutal
  • Heinzi: Zuhälter aus dem Umfeld der Clique
  • Olaf: jugendlicher Konkurrent Peters in der Clique

Ort und Zeit
Berlin (Kontrast zwischen „besserem“ Viertel und Berlin-Moabit) September 2001

Handlung
Die beiden Hauptfiguren, der 14-jährige Bertram und der etwa gleichaltrige Peter, leben in völlig unterschiedlichen Verhältnissen: Bertram besucht das Gymnasium und wächst in einer bürgerlich-geordneten Umgebung auf, Peter ist Sohn einer alleinerziehenden Mutter, die mit der Erziehung ihrer drei Kinder überfordert ist, und lebt in ärmlichen Verhältnissen. Peter überfällt Bertram und Egmont, die er offensichtlich gut ausspioniert hat, und nimmt Egmont sein Mountainbike weg. Er zeichnet sich durch eine außergewöhnliche Entschlossenheit und Brutalität aus: Wenn seine Opfer nicht reagieren, schlägt er sofort zu und versetzt diese damit in Angst. Diese Einschüchterung kann er sich immer wieder zunutze machen. Die beiden Freunde wagen es aus Angst vor Rache nicht, Schule, Eltern oder Polizei zu informieren. Bertram schämt sich, seinem Freund nicht geholfen zu haben, doch nur einen Tag später wird er selbst zum Opfer. Peter verlangt Geld, wieder unterstreicht er seine für den nächsten Tag verlangt Peter allerdings hundert Mark. Peters größtes Ziel ist es, in der „Clique“ aufzusteigen, einem gut organisierten System, das vom „Abzocken“, d. h. von Raubüberfällen und Erpressungen von Jugendlichen, lebt. Er steht dort auf der untersten Stufe der Hierarchie, doch hat Chancen, zum „Kassierer“ befördert zu werden. Dabei konkurriert er mit seinem ehemals besten Freund Olaf. Um den Job zu bekommen, muss er in einer bestimmten Zeit möglichst viel Geld eintreiben und „Informanten“ anwerben. Kriminalität ist für Peter ebenso normal wie das Schwänzen der Schule. Sie ist, so sieht er es in einer Art Gangsterromantik, der einzige Weg aus seinen miserablen Lebensumständen heraus. So versucht er, sich ein möglichst hartes Image zu geben, er fühlt sich selbstsicher, und seine „Erfolge“ bei den Gymnasiasten geben ihm anscheinend Recht. Dass er trotzdem noch kindliche Züge hat, zeigt seine Vorliebe für die Feuerwehr und deren Arbeit. Auch Peters ältere Schwester Vanessa ist auf Abwegen. Sie liebäugelt mit der Idee, für Heinzi, einen weithin bekannten Zuhälter, zu arbeiten. Noch hat sie diesen Plan nicht umgesetzt und Peter setzt alles daran, seine Schwester davon abzuhalten. Sein Traum ist es, sich bis an die Spitze der Clique zu arbeiten und dann genug Geld für die gesamte Familie zu verdienen. Einstweilen ist er aber nur Befehlsempfänger für den „Vize“, bei dem es sich um einen äußerst gewaltbereiten Anführer handelt. Bertram beschließt, auf Peters Forderung einzugehen, will aber zugleich auch etwas unternehmen. Allerdings hat er hundert Mark gar nicht zu seiner Verfügung. Als „Zahltag“ ist, lässt er Peter zunächst einmal warten und beobachtet ihn. Peter reagiert mit einer Mischung aus Verunsicherung und Wut auf diese Provokation. Er versucht, Bertram zu Hause aufzulauern, doch diesem gelingt es, seinen Erpresser durch einen Trick an einen anderen Treffpunkt zu locken. Dort, in Berlin-Moabit, erhält Bertram einen Einblick in das Viertel, aus dem Peter stammt. Er will ihm auflauern und ihn beobachten, gerät ihm aber in die Hände. Nachdem er das geforderte Geld nicht bezahlen kann, wird er von Peter geschlagen und getreten. Doch trotz seiner scheinbaren Überlegenheit fühlt sich dieser merkwürdig ohnmächtig und der Situation nicht gewachsen. Da Bertram das Geld anscheinend nicht ohne weiteres besorgen kann, zwingt ihn Peter zu stehlen. Der Versuch, in einem Kaufhaus eine CD zu klauen, misslingt prompt – er wird erwischt und schließlich auch von der Polizei vernommen. Seine Erklärung, er sei zum Diebstahl genötigt worden, wertet man als billige Ausrede. Bertram sieht, nun als Kaufhausdieb aktenkundig geworden, keinen Ausweg. Egmont rät ihm zu zahlen, um seine Ruhe zu haben. Schließlich nimmt Bertram das Geld aus dem Safe seines Vaters. Doch schon bei der Übergabe ist ihm klar, dass Peter wiederkommen wird. Unterdessen gerät dieser selbst in Schwierigkeiten. Vanessa hat bei einer „Verabredung“ mit Heinzi ein Portemonnaie geklaut und ist dabei erwischt worden. Im Auftrag der Clique, die unter Verdacht geraten ist, soll Rache geübt werden – und Peter soll diese vollstrecken. Dies tut er, obwohl Vanessa bereits übel zugerichtet nach Hause kommt und sie ihm leid tut. Peter nimmt sich Rache vor für den Tag, an dem er das Sagen hat. Insgesamt fühlt er sich gut und stark, da sein „Abzocken“ jetzt anscheinend aufgeht. Von Bertram verlangt er, den Walkman einer Mitschülerin zu stehlen oder nochmals hundert Mark abzuliefern. Da ereignet sich etwas, das mit Peter und Bertram unmittelbar nichts zu tun hat: die Anschläge von New York und Washington am 11. September. Für einen Moment sind alle aktuellen Sorgen und Träume außer Kraft gesetzt. Bertram ist vollkommen geschockt und reagiert befremdet, als Egmont mit einer Bemerkung leichtfertig über ein paar hundert Tote hinweggeht. Peter seinerseits ist schockiert, dass sich unter den Toten 250 Feuerwehrleute befinden, die ihren Einsatz für andere mit dem Leben bezahlt haben. Er beginnt, etwas differenzierter über Gewalt und deren Folgen nachzudenken. Auch zur Clique geht er auf vorsichtige Distanz. Zwar will er weiterhin Geld von Bertram eintreiben, aber es erst weitergeben, wenn einige Dinge in der Clique geklärt sind. Bertram beschließt, Peter statt des Geforderten ein Geschenk zu machen, dessen Wirkung er noch nicht erahnt: ein Abzeichen der New Yorker Feuerwehr. Diese persönliche Geste verbindet Bertram mit der fest vorgetragenen Bitte, Peter möge ihn fortan in Ruhe lassen. Dieser ist durch das Geschenk vollkommen verwirrt. Er weiß, dass er sich der Clique gegenüber durch Nachgiebigkeit blamiert und seine Chancen auf den Kassierer-Job verliert, auf der anderen Seite macht das Geschenk großen Eindruck auf ihn. Zusammen mit seiner Klasse nimmt Bertram an einem Trauermarsch für die Opfer der Anschläge vom 11. September teil. Während die Schüler mit Kerzen und Transparenten durch die Straßen gehen, reiht sich plötzlich Peter neben Bertram ein. Ebenso plötzlich taucht Olaf auf, der Geld von Peter zu fordern scheint. Er bedroht Peter und schlägt einen Lehrer, der dazwischen gehen will, nieder. Peter wird von einem Polizisten überwältigt, während Olaf entkommen kann. Später wird Peter laufen gelassen. Bertram, der durch den Zwischenfall Peters Namen und Adresse herausbekommen hat, erkennt, dass auch Peter nur Glied einer Kette ist. Er folgt ihm und sieht, wie er von drei anderen Jungen brutal zusammengeschlagen wird. Er beschließt, nicht länger feige zu schweigen und zuzusehen, und spricht andere Passanten an. Die wenden sich ab und verstecken sich hinter Ausreden. Schließlich hat er den rettenden Einfall, indem er „Feuer!“ ruft und die Aufmerksamkeit auf die Prügelei lenkt. Die Menschen reagieren und die Schläger laufen weg, als jemand die Polizei ruft. Bertram besucht Peter im Krankenhaus. Der ist erstaunt, gerade in seinem Erpressungsopfer einen Schutzengel zu haben. Bertram hat inzwischen bei der Polizei eine Aussage gemacht und tritt Peter offensiv entgegen. In Peter wächst der Entschluss, aus der Clique auszusteigen, er informiert sich über die Jugendfeuerwehr und die Laufbahn eines Feuerwehrmanns. Bei der Bewältigung schulischer Defizite könnte ihm Bertram behilflich sein, denkt er. Er sucht ihn vor der Schule auf und sagt, dass er bereit sei, gegen die Clique auszusagen, wenn er einen Anwalt habe. Bertram denkt an Egmonts Vater und trifft mit Egmont eine Vereinbarung zu einem Treffen. Als Bertram und Peter zu Egmonts Wohnung kommen, lauert ihnen die Clique auf. Mit Müh und Not gelangen sie vor den mit Baseballschlägern bewaffneten Verfolgern in die Wohnung. Dort stellt sich heraus, dass Egmont selbst die Clique informiert hat, weil ihm gedroht worden ist. Er ist einer von zwei neuen „Informanten“ – offensichtlich ein Opfer des „Abzockens“ und ein Täter zugleich.

3. Kurzinformationen zum Autor

Andreas Schlüter wurde 1958 geboren. Nach dem Abitur absolvierte er eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann bei einem großen Kaufhausunternehmen. In diesem Beruf arbeitete er noch einige Zeit, bevor er sich mit der Leitung von Kinder- und Jugendgruppen in politischen Organisationen befasste. Anfang der 1980er Jahre hatte Schlüter den Plan, eine Geschichte zu schreiben, in der Kinder ohne Erwachsene auskommen. Dennoch sollte es noch knapp 10 Jahre dauern, bis sein erstes Kinder- und Jugendbuch erscheinen konnte. Schließlich arbeitete er als freier Journalist, eröffnete mit einem Kollegen ein Redaktionsbüro und wurde Redakteur bei einer Regionalsendung von Sat1. Zusätzlich schrieb er Berichte und Reportagen für Zeitungen und Zeitschriften. 1992/93 schrieb Schlüter Die Stadt der Kinder, fand aber erst 1994 einen Verlag dafür, für den das Buch zu einem großen Erfolg wurde. Seit 1992 schreibt Schlüter regelmäßig Kinder- und Jugendbücher, darunter seit 1996 die Krimireihe Kurierdienst Rattenzahn die den Kinderkrimipreis Emil erhielt.

4. Allgemeine Einordnung

Abgezockt! handelt von Gewaltanwendung und Erpressung unter Jugendlichen. Zwei Hintergründe sind für die Handlung bestimmend:

  1. Ein Teil der Jugendszene in den 90er Jahren und der Gegenwart, der gewaltbereit ist und Schülerinnen und Schüler „abzieht“ (auch „abzocken“ genannt, s. Titel). Motive dieser Spielart des Mobbings unter Jugendlichen sind nicht nur Habgier, sondern auch Langeweile und „Gangsterromantik“.
  2. Der 11. September 2001 mit den Anschlägen auf das World Trade Center in New York und das US-Verteidigungsministerium in Washington D. C. Bei beiden Anschlägen kamen ca. 3000 Menschen ums Leben, darunter knapp 300 Feuerwehrleute, die bei den Rettungs- und Aufräumungsarbeiten am World Trade Center den Tod fanden. Der 11. September gilt in den USA als Stichtag im, in seinen Mitteln nicht unumstrittenen, Kampf gegen den Terrorismus

5. Strukturelle und sprachliche Aspekte

Das Buch erzählt die Geschichte sowohl aus Bertrams als auch aus Peters Sicht. Mit dieser „doppelt personalen“ Erzählperspektive wird erreicht, dass das Geschehen aus zwei völlig konträren Blickwinkeln vermittelt wird: dem des scheinbar hilflosen, sich ohnmächtig fühlenden Opfers und dem des brutalen und von einer Karriere als Gangster träumenden Täters. Auf diese Weise kann man sich sowohl in die Ohnmachts- (Bertram) als auch Allmachtsgefühle (Peter) hineinversetzen. Zusätzlich erfährt man etwas über die Motivation des Täters (ärmliche Verhältnisse, Anzeichen der Verwahrlosung, Perspektivlosigkeit), ohne dass damit die Tat verharmlost wird. Die Gegenüberstellung beider Perspektiven erfolgt nahezu synchron, d. h. eine Szene wird entweder ganz oder zu einem großen Teil sich überschneidend in zwei Versionen erzählt. Dieses Verfahren ist für den Leser von großem Reiz, da man erfährt, wie verschieden eine Situation erlebt werden kann. Das Geschehen wird chronologisch erzählt und erstreckt sich über elf Tage (4.– 14. 9. 2001). Die überschaubare erzählte Zeit erlaubt eine recht detaillierte Chronologie, die ein Mittel der Spannungserzeugung ist. Die Spannung wird bis zum Wendepunkt (11. September) kontinuierlich gesteigert, indem vor allem die Entwicklung Bertrams vom „willigen Opfer“ bis hin zur Gegenwehr gegen das System der Clique gezeigt wird. Umgekehrt dazu verläuft Peters Entwicklung von ungehemmter Gewaltbereitschaft über Verunsicherung und differenzierteres Nachdenken über Gewalt bis hin zur Distanzierung von der Clique. Beide Charaktere bleiben glaubwürdig: Bertram entwickelt sich nicht zum Helden, der jedem Unrecht entschlossen die Stirn bietet; Peter hat, obwohl er den wahren Charakter der Clique längst erkannt hat, bis kurz vor Schluss noch Vorstellungen von Ehre seiner Gruppe gegenüber im Kopf, die seinen Wandel in Frage stellen. Der Anfang der Geschichte ist insofern geschlossen, als man über die Situation der beiden vor dem eigentlichen Geschehen informiert ist: Herkunft, Lebensumstände, soziale Bindungen und Sozialverhalten werden erklärt. Das Ende hingegen ist offen: Zwar haben sich Bertram und Peter gegen den Angriff der Gruppe gewehrt – ob jedoch Peter wirklich aussagen wird, ob die Clique ausgehoben und dem „Vize“ das Handwerk gelegt wird, bleibt offen. Im Mittelpunkt steht die Persönlichkeit der beiden Charaktere. Auch dieser offene Ausgang trägt zur Glaubwürdigkeit und zur Spannung der Geschichte bei. Die Haupthandlung wird von zwei Nebenhandlungen begleitet: um Bertrams Freund Egmont, der sich als (für sein Alter) relativ kühler Zyniker entpuppt und bei dem am Ende unklar bleibt, inwieweit er tatsächlich unter dem Druck der Clique oder aus eigenem Antrieb gehandelt hat; und um Peters Schwester Vanessa, die den Bruder in den Konflikt zwischen der Moral der Gruppe (Rechtfertigung von Gewalt und auch Prostitution) und der eigenen Ansicht („Unversehrtheit“ der Schwester, Familienehre) bringt. Beide Nebenhandlungen untergraben also die Lebenswelten und die Ansichten der Protagonisten Bertram und Peter.

6. Didaktische Anregungen

Arbeit am und mit dem Text/Kreatives Schreiben

  • Peters und Bertrams Aussagen bei der Polizei
  • Mobbing an Schulen --> Zeitungsbericht/Reportage
  • Profilierung der Eltern:
    – Bertrams Eltern --> Behütung, Erziehungsziele, mögl. Probleme, Umgang mit Kriminalität in der eigenen Familie (Bertrams Ladendiebstahl)
    – Peters Mutter --> Aspekte des Alleinerziehens, Umgang mit schwierigen Kindern, Versuch der Einflussnahme
    – möglicherweise Treffen beider Eltern(teile) als Begegnung zweier verschiedener Welten (Vorsicht: Klischeegefahr!)
  • weitere Begegnungen zwischen Bertram und Peter
  • Ausarbeitung der Nebenhandlungen (Vanessa, Egmont)
  • Rolle der Schule (Lehrerkonferenz, Verhalten des Schulleiters)
  • Gerichtsverfahren
  • Aufbereitung des Textes mit anderen Medien: parallele Darstellung einzelner Szenen aus den beiden Perspektiven im Rollenspiel oder in einer Videoaufnahme

Thema Gewalt: Mobbing und Terroranschlag

  • Mobbing/Gewalt an meiner Schule/an meinem Wohnort --> Umfrage, Erfahrungsberichte
  • Besuch einer Polizeiwache/Einladung eines Polizeibeamten; „Anti-Gewalt-Training“
  • (schwierig:) Gespräch mit Mobbing-Opfern
  • Produktion von „Anti-Gewalt-Werbung“ (Anzeige, Fernsehspot)
  • Kurzvorträge
    – Der Terror-Anschlag vom 11. September und seine (vorläufigen) Folgen
    – Die Arbeit der New Yorker Feuerwehr; Arbeit bei der Feuerwehr – Reiz und Risiko
    – Mobbing in der Schule und anderswo

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