Der lange Weg des Lukas B. von Willi Fährmann. Jugendbuchempfehlung

Willi Fährmann:

Der lange Weg des Lukas B.

1. Bibliografische Angaben und Lesestufe

  • Willi Fährmann: Der lange Weg des Lukas B. Würzburg: Arena, 2004, 384 S.
  • Lesestufe: 8. Klasse

2. Inhaltsangabe

Der Zimmermann Friedrich Bienmann lebt um 1870 mit seiner Familie in dem Dorf Liebenberg bei Danzig. Sein künstlerisch sehr begabter Sohn Karl, der sich nie mit dem vom Vater erlernten Zimmermannsberuf identifizieren konnte, ist vor einigen Jahren spurlos verschwunden. Zuvor hat er sein gesamtes Hab und Gut verspielt und seiner Frau und seinem inzwischen 14-jährigen Sohn Lukas hohe Schulden hinterlassen. Wegen der wirtschaftlich schlechten Verhältnisse in Preußen entschließt sich Friedrich Bienmann, für zwei Jahre nach Amerika auszuwandern, um dort genug Geld zur Begleichung von Karls Schulden zu verdienen. Neben seiner Kolonne begleiten ihn auch sein Enkel Lukas als Lehrling und seine Tochter mit ihrem Verlobten, einem politisch verfolgten Lehrer. Ein Segelschiff bringt sie innerhalb von zwei Monaten nach New Orleans. Während der Fahrt findet Lukas zahlreiche Hinweise, dass auch sein Vater Karl (bzw. Charly, wie ihn die Besatzung kennengelernt hat) mit diesem Schiff nach Amerika übergesetzt hat. In den Südstaaten kämpft sich die Gruppe trotz zahlreicher Rückschläge durch und reist dabei langsam weiter Richtung Norden; einzelne Zimmermannsleute bleiben unterwegs zurück, da sie ihr Glück doch langfristig in Amerika suchen wollen. Durch einige große Aufträge gelingt es Friedrich Bienmann, die erhofften Ersparnisse zu sammeln. Nach ungefähr zwei Jahren beschließt er, mit seinem Enkel auf schnellstem Weg in die Heimat zu reisen. Lukas flüchtet heimlich, da er seinen Vater, den er in St. Louis vermutet, sehen möchte. Dieser ist jedoch bereits weitergezogen und hat Lukas nur einen Brief und selbstgemalte Bilder hinterlassen. Der Großvater ist dem Enkel nachgereist und beide beschließen, nun endgültig nach Liebenberg zurückzukehren. Auf dem Dampfschiff von New York nach Bremerhaven gelingt es Lukas mit der Hilfe eines Mitreisenden, einen Großteil der Bilder seines Vaters zu verkaufen und damit genug Geld zur Begleichung der Schulden einzunehmen. Lukas trifft schließlich die für den Großvater harte Entscheidung, dass er in Liebenberg nicht weiter als Zimmermann arbeiten, sondern mit seiner Mutter das vom Vater verspielte Haus zurückkaufen möchte, um dort einen kleinen Laden zu betreiben. Dies gelingt Lukas ebenso wie eine Annäherung an das Mädchen Lisa, an das er in seiner Zeit in Amerika ständig denken musste.

3. Kurzinformationen zum Autor

Willi Fährmann, heute einer der bedeutendsten Kinder- und Jugendbuchautoren, wurde 1929 in Duisburg geboren. Er machte eine Lehre zum Maurer – ein typischer Beruf im Ruhrgebiet –, merkte aber schnell, dass er beruflich eigentlich mit Menschen arbeiten wollte. So holte er sein Abitur nach, studierte in Münster und Oberhausen und war dann als Lehrer in Duisburg, Schulleiter in Xanten und viele Jahre als Schulrat tätig. Seit seinem Ruhestand arbeitet er als freier Schriftsteller. Er besucht gerne Schulen für Lesungen und beantwortet auch unermüdlich Leserbriefe. Fährmanns Jugendbücher erzählen von individuellen Schicksalen, die historische Gegebenheiten widerspiegeln, und beschreiben so Zeitgeschichte aus der Perspektive einfacher Menschen. In der vierteiligen Bienmann-Familiensaga werden ganz unterschiedliche Stationen der Geschichte über Generationen hinweg erzählt: Der hier vorgestellte erste Teil Der lange Weg des Lukas B., der u. a. mit dem Deutschen Jugendbuchpreis und dem Österreichischen Staatspreis für Jugendliteratur ausgezeichnet wurde, spielt im späten 19. Jahrhundert. Der Protagonist des zweiten Teils Zeit zu hassen, Zeit zu lieben erlebt die Unruhen in Deutschland 1919, im Folgeband Das Jahre der Wölfe geht es um die Flucht aus Ostpreußen während des Zweiten Weltkriegs. Der letzte Titel Kristina, vergiss nicht … beschäftigt sich mit den Problemen von Aussiedlern. Zahlreiche Geschichten spielen am Niederrhein, wo Fährmann wohnt, so zum Beispiel die Erzählung Es geschah im Nachbarhaus um die Diskriminierung eines jüdischen Händlers im 19. Jahrhundert oder die Bände Siegfried von Xanten und Kriemhilds Rache, die das Nibelungenlied nacherzählen. Besonders hervorgehoben sei zudem Fährmanns Erzählung Der überaus starke Willibald, mit der es ihm gelingt, schon Kindern im Grundschulalter das Phänomen des Nationalsozialismus altersgerecht deutlich zu machen.

4. Allgemeine Einordnung

Der Roman Der lange Weg des Lukas B. ist als Lektüre für den Unterricht einer 8. Klasse sehr geeignet, weil er viele, sehr unterschiedliche Fragestellungen aufwirft. Zum einen ist das Buch ein Abenteuerroman, der durch seine spannende Handlung besonders die oft weniger lesemotivierten Jungen begeistert. Gleichzeitig handelt es sich um einen Entwicklungsroman, in dem es Lukas Bienmann gelingt, seinen eigenen Lebensweg zu entwerfen und bewusst aus der Obhut des Großvaters zu treten. Aber auch Friedrich Bienmann entwickelt sich, er zeigt immer mehr Verständnis für die alternative Lebensplanung seines Sohnes, auch wenn der Leser deutlich spürt, wie schwer dies dem alten Mann fällt. In Zusammenarbeit mit dem Fach Geschichte sollte das Buch des Weiteren als historischer Roman gelesen werden. Aus der Sicht der „kleinen Leute“ werden zahlreiche historische Fakten sehr anschaulich geschildert: Der Wettkampf der Zimmerleute gegen die Zuschneidemaschine (ab S. 272) verdeutlicht die Folgen der Industrialisierung und der politisch engagierte Lehrer Piet van Heiden weist immer wieder auf die Lebensverhältnisse der Arbeiter und die soziale Frage hin (z. B. S. 52 f.), zudem geht er direkt auf den Weberaufstand 1828 ein (S. 62). Den Deutsch-Französischen Krieg erlebt die Zimmermannskolonne nur aus der Distanz in Amerika, hier könnten die Schüler genauere Informationen zusammentragen. Außerdem wird die Rolle der Afroamerikaner vor und nach dem amerikanischen Bürgerkrieg thematisiert (S. 286, 307); dies kann in den Fächern Geschichte oder Englisch aufgegriffen werden oder zu einer grundsätzlichen Diskussion über die Grundrechte und die Gleichheit der Menschen im Politikoder Ethikunterricht führen. Weitere thematische Bereiche, die das Buch öffnet, sind z. B. die Frage nach dem Sinn von Gewalt (s. u.) und die Bedeutung der Malerei für den Einzelnen. Verknüpfen lässt sich der Roman mit den weiteren Teilen der Familiensaga oder anderen Büchern, die sich mit dem Leben in der „neuen Welt“ Amerika beschäftigen (z. B. Onkel Toms Hütte von Harriet Beecher-Stowe, vgl. Erwähnung auf S. 307).

5. Strukturelle und sprachliche Besonderheiten

Der lange Weg des Lukas B. ist für Schüler der 8. Jahrgangsstufe sicherlich ein sprachlich nicht leichtes, aber dennoch gut lesbares Buch. Stil, Ausdruck und auch Satzbau sind anspruchsvoll, der Roman scheint daher eher für Gymnasialklassen als für andere Schulformen geeignet zu sein. Die knapp 400 dicht beschriebenen Seiten umfassen 33 nicht nummerierte Kapitel (man sollte die Schüler bitten, diese durchzuzählen), eine Karte mit der Reiseroute und ein Nachwort des Autors. Viele Dialoge machen die Handlung sehr anschaulich und sorgen zusammen mit der auktorialen Erzählweise dafür, dass viele verschiedene Figuren zu Wort kommen und ihre Positionen nachvollziehbar darlegen können. Einige Vorgänge beschreibt Fährmann sehr genau (z. B. das Angeln ab S. 11 oder das Bauen eines Ziehbrunnens ab S. 174), was den Schülern beim Lesen zunächst ermüdend erscheint, im Unterricht aber nutzbar gemacht werden kann: Diese Passagen können als Vorlage für eine Vorgangsbeschreibung oder eine Zeichnung (erwähnter Brunnen oder Gallionsfigur auf dem Schiff) dienen.

6. Didaktische Anregungen

Lukas’ „langer Weg“ der Identitätsfindung
Der Titel des Buches bezieht sich nicht nur auf die vielen Kilometer der Reise, die Lukas im Verlauf der Handlung zurücklegt, sondern deutet auch an, dass dem Jungen seine Identitätsfindung gelingt. Er reift von einem Kind, dem der Großvater viele Probleme vorenthält, zu einem jungen Mann, der sowohl beruflich als auch privat seine Lebensplanung eigenverantwortlich übernimmt. Ein wichtiger Teil dieser Entwicklung ist die Auseinandersetzung mit dem Vater Karl, das Abschließen mit der Enttäuschung, dass dieser die Familie zurückgelassen hat, und das Abnabeln vom übermächtigen Großvater Friedrich. Da diese beiden Männer von so großer Bedeutung für den Jungen sind, sollten sie zunächst im Unterricht in den Mittelpunkt gestellt werden, bevor Lukas’ Entwicklung untersucht wird. Auf den Seiten 32–41 wird Karls Leben bis zu seinem Verschwinden beschrieben. Die Schüler lesen diese Seiten vorbereitend nochmals und beantworten folgende Fragen: Wieso ist Karl geflüchtet? Warum könnt ihr Karls Reaktion (nicht) verstehen? Wie beurteilt ihr das Verhalten des Vaters gegenüber Karl? Was fühlt Lukas gegenüber seinem Vater? Im Unterricht werden die Antworten zunächst verglichen und diskutiert, dann erhalten die Schüler die Aufgabe, einen fiktiven Brief zu schreiben, in dem entweder Karl seinem Sohn die Gründe für seine Flucht erklärt oder Lukas dem Vater seine derzeitige Gefühlslage beschreibt. Oft zeigen die Schüler in dieser Phase der Unterrichtsreihe noch wenig Verständnis für Karls Verhalten, sie verurteilen seine Verantwortungslosigkeit und seinen Egoismus. Um diese einseitige Sicht aufzubrechen, lesen die Schüler nun wiederholend die Seiten 159–163 unter der Fragestellung, wie Karl (also Charly) dem Segelmacher seinen Vater beschrieben hat. Im Unterrichtsgespräch wird erarbeitet, wieso Charly seinen Vater so hasst und wieso wir ihn nun besser verstehen können. Dabei sollte besonders auf die beruflichen Pläne des Sohnes und des Vaters für den Sohn eingegangen werden. Anschließend schreiben die Schüler einen weiteren Erklärungsbrief Karls für seine Flucht, der sich diesmal an seinen Vater richtet. Karl hat es nur durch seine Flucht geschafft, sich von dem Druck des Vaters zu befreien. Lukas hingegen entscheidet sich viel eher und bewusster, die Wünsche und Pläne des Großvaters nicht zu erfüllen, sondern seinen eigenen Lebensweg zu gehen. Dies ist für Friedrich eine große Enttäuschung und zunächst schwer zu verstehen. Er sieht dann aber ein, dass er Lukas loslassen muss, damit dieser erwachsen werden kann. Diese Zusammenhänge können sich die Schüler mithilfe des Gesprächs zwischen Lukas und dem Großvater auf den Seiten 377 f. erarbeiten, anschließend schreiben sie einen inneren Monolog entweder aus Lukas’ oder Friedrichs Sicht. Die Texte werden in Gruppen vorgetragen und optimiert und schließlich im Plenum besprochen. Dabei sollte auch erwähnt werden, wie gereift Lukas für die Beziehung zu Lisa ist und wie verantwortungsbewusst er sich seiner Mutter gegenüber verhält.

Gewalt als Konfliktlösung?
Da Friedrich Bienmanns Tochter Mathilde keinen Platz mehr auf dem Schiff nach New Orleans buchen kann, fährt sie als blinder Passagier mit, wird aber bald entdeckt. Der Kapitän ist zunächst unschlüssig, wie er sie bestrafen soll, und unterhält sich mit dem Segelmacher Hendrik über den Einsatz von Gewalt (S. 142–145). Anhand der Textstelle arbeiten einige Schüler Hendriks Haltung heraus, sie sollen dabei besonders seine Vergleiche („Gift, Sir, ist Gift.“, S. 144) erläutern. Der Rest der Klasse beschäftigt sich mit der Position des Kapitäns („Niemals Gewalt, das führt auf kurzem Weg ins Chaos.“, S. 144). Anschließend lassen die Schüler in einem simulierten Streitgespräch zunächst den Segelmacher mit dem Kapitän diskutieren. Dann treten sie aus ihren Rollen heraus und formulieren ihre eigene Meinung. Hierbei sollen sie zunächst in der Situation bleiben (sich also überlegen, wie sie sich um 1870 als Kapitän auf einem Schiff verhalten hätten) und dann die Bedeutung und die Folgen von Gewalt in unserem heutigen Alltag reflektieren. Es ist dabei wichtig, darauf hinzuweisen, dass es nicht nur körperliche, sondern auch psychische, verbale und sexuelle Gewalt gibt. Nach dieser Diskussion kann die Seite 151 vorgelesen werden, auf der Hendrik Mathildes Verhandlung mit den Worten: „Es ist ein kleiner Schritt auf dem richtigen Wege.“ kommentiert.

Metaphorisches Erzählen
Sowohl im ersten als auch im letzten Kapitel angelt Lukas. Zum Abschluss der Buchbesprechung kann man diese beiden Angel-Episoden nochmals aufgreifen, zunächst vergleichen und dann ihre übertragene Bedeutung herausarbeiten. Im ersten Kapitel kämpft Lukas lange und mühevoll mit einem sehr großen Fisch, nur mit viel Geduld und Einsatz gelingt es ihm, diesen an Land zu ziehen. Das Angeln symbolisiert die vielen Aufgaben und Anstrengungen, die auch auf Lukas zukommen, um erwachsen zu werden und eine eigene Identität zu entwickeln. Im letzten Kapitel wirkt Lukas sehr viel ruhiger. Er ist zwar beim Angeln erfolglos, doch er trifft Lisa, die mit dem Tragen des Gürtels, den Lukas ihr geschenkt hat, ihre Zuneigung signalisiert. Die schwierigen Aufgaben, die am Anfang noch von Lukas zu bewältigen waren, existieren nun nicht mehr, Lukas scheint seine Identität gefunden und seinen Lebensweg eingeschlagen zu haben.


empfohlen von Christiane Althoff

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