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Die Wächter. Jugendbuchempfehlung

John Christopher:

Die Wächter

1. Bibliografische Angaben und Lesestufe

  • John Christopher: Die Wächter. Ravensburg: Ravensburger Taschenbuch, 2006, 192 S. (übersetzt von
    Johannes Piron, Originaltitel: The Guardians)
  • Lesestufe: 8.–10. Klasse

2. Inhaltsangabe

Im England des Jahres 2052 leben die Menschen in zwei voneinander getrennten Sphären, den großen städtischen Ballungsgebieten (sogenannten „Konurbas“) mit ihren proletarischen Menschenmassen und dem „Landkreis“, in dem eine Handvoll Adliger ein traditionsgebundenes, müßiggängerisches Dasein führt. Nur wenigen „Pendlern“ ist es gestattet, die – angeblich schwer bewachten – Grenzen zwischen den beiden Bereichen zu überqueren, wonach aber auch nur die wenigsten Menschen ein Verlangen haben, denn allen ist eine tiefe Verachtung für die jeweils andere Welt anerzogen worden.
Der 13-jährige Konurbaner Rob Randall hat schon vor Jahren seine Mutter durch Krankheit verloren. Als nun auch sein Vater, der als Elektriker in einem Stadion in London arbeitet, unter mysteriösen Umständen einen Unfall erleidet und bei der Behandlung im Krankenhaus stirbt, wird Rob in ein staatliches Internat überwiesen. Dort ist das Leben für ihn bald so unerträglich, dass er beschließt, in den Landkreis zu fliehen; zudem stammte seine Mutter, wie er herausfindet, aus dem Landkreis. Unter Gefahren gelingt ihm die Flucht. Er lernt den etwa gleichaltrigen Landadligen Mike Gifford kennen, der ihn zunächst in einer Höhle versteckt, wo er aber bald von Mikes Mutter entdeckt wird. Die Giffords nehmen Rob bei sich auf und geben ihn als Verwandten aus Nepal aus. Er gewöhnt sich an das Leben als Aristokrat und geht mit Mike zusammen zum Internat, sobald das neue Schuljahr beginnt. Es stellt sich heraus, dass Mike mit einer Gruppe von Revolutionären sympathisiert. Rob steht dem Vorhaben,  einen gegen die Klassengesellschaft gerichteten Umsturz herbeizuführen, skeptisch gegenüber und ist auch nicht beteiligt, als tatsächlich ein bewaffneter Aufstand losbricht. Die Sicherheitskräfte gewinnen schnell die Oberhand und Mike flieht in eine Konurba, um dort seinen Widerstand fortzusetzen. Rob wird daraufhin zu Sir Percy, dem Gouverneur des Landkreises, gebracht, von dem er erfährt, dass den Behörden seine wahre Identität von Beginn an bekannt gewesen ist. Sir Percy hält ihn aber für geeignet, in den Kreis der „Wächter“ aufgenommen zu werden. Die „Wächter“ sind jene „Marionettenspieler“ (S. 185), die insgeheim im Hintergrund die Fäden ziehen und den Status quo der Gesellschaft aufrechterhalten. Zu ihren Methoden gehört es auch, Menschen mit Widerstandsgeist einer Gehirnoperation zu unterziehen, die sie willenlos macht. Rob erkennt das Ausmaß der Manipulation, als er erfährt, dass Mikes Vater früher dieser Operation unterzogen wurde. Plötzlich wird ihm auch klar, dass sein eigener Vater sterben musste, weil er im Untergrund gegen das Regime gearbeitet hatte. Rob beschließt, in die Konurba zurückzukehren und sich der Gruppe um Mike anzuschließen.

3. Kurzinformationen zum Autor

John Christopher ist das bekannteste von mehreren Pseudonymen des 1922 in Lancashire/England geborenen Autors Samuel Youd, der über 70 Bücher veröffentlicht hat. Seine Bekanntheit beruht vor allem auf seinen Science-Fiction-Romanen, mit denen er sich zunächst an erwachsene Leser wandte; seit 1966 schreibt er aber hauptsächlich für Jugendliche. Sein größter weltweiter Erfolg ist die Trilogie The Tripods, die Ende der 1960er Jahre erschien.

4. Allgemeine Einordnung

Mit Die Wächter hat John Christopher eine negative Zukunftsvision in der Tradition von Brave New World, 1984 und Fahrenheit 451 geschrieben. Der Autor zieht den Leser in eine Welt, die vollständig fremd zu sein scheint, bei näherer Betrachtung aber einige verstörende Parallelen zu unserer Gegenwart aufweist. Dies betrifft vor allem die sozialen Trennwände, die heute auf nationaler und globaler Ebene weiter zu wachsen scheinen. Im England des Romans werden sie durch einen totalitären Staat aufrechterhalten, ihre Überwindung wird durch geschickte Techniken der Manipulation systematisch verhindert. Dazu hat man in den Städten die Zeit quasi angehalten, indem man nur Technologien zulässt, die den Mächtigen nutzen (u. a. wurde die  Raumfahrt eingestellt). Auf dem Land hingegen wurde die Uhr sogar zurückgedreht, damit die Privilegierten des Systems dort in einer angenehm altmodischen Atmosphäre leben können. Insgesamt werden so absolut stabile gesellschaftliche Verhältnisse geschaffen. Persönliche Initiative und individuelle Unterschiede werden unterdrückt, um das System nicht zu gefährden. Die Mehrheit der Menschen wird dazu erzogen, ihre Stellung als vorherbestimmt zu betrachten, und in dem Bewusstsein gehalten, dass die Verhältnisse zu ihrer Zufriedenheit gestaltet sind. Die meisten wissen nicht, dass im Grunde nur eine Klassengesellschaft zementiert worden ist. Die einzig Privilegierten sind die Landadligen, die mit den Fabriken und Arbeitern als der „Quelle ihres Reichtums“ (S. 139) kaum noch in Kontakt kommen müssen. Dass sie in Wahrheit von den Verhältnissen profitieren, wird geschickt verschleiert. Auf einem für Schüler angemessenen Niveau und verpackt in eine spannende Handlung wird der Leser mit raffinierten Techniken der Herrschaftssicherung konfrontiert. Die Gesellschaft basiert vor allem auf dem Prinzip des „Teile und herrsche“; Brot und Spiele dienen zur Ruhigstellung der Massen in den Konurbas; Kriege und gewalttätige Spektakel werden als Mittel der Aggressionsabfuhr und Ablenkung von inneren Spannungen eingesetzt. Der insgeheim allgegenwärtige Staat bespitzelt seine Bürger; im Falle von besonders unangepassten Menschen gehören sogar chirurgische Eingriffe ins Gehirn zum Instrumentarium der „Wächter“. Im Unterricht können diese Dinge eine wichtige Rolle spielen, ebenso ihre geschichtliche Herkunft und die Frage nach ihrer Aktualität.
Besonders großer Erfolg war dem Roman von Beginn an in  Deutschland beschieden. Hier erhielt er 1976 den Jugendbuchpreis. Dies wird häufig darauf zurückgeführt, dass Christophers England der Zukunft durch eine Art von Mauer in zwei völlig verschiedene Länder geteilt wird, eine Erfahrung, mit der sich deutsche Leser während der Zeit der Teilung identifizieren konnten. Indem der Roman dazu anregt, über bestimmte Gefahren nachzudenken, die die zukünftige Entwicklung der Gesellschaft mit sich bringen kann, wirft er gleichzeitig ethische Fragen auf: Worin besteht die Verantwortung der Wohlhabenden? Inwiefern muss derjenige, dem es gut geht, Rücksicht auf die Allgemeinheit nehmen? Was ist der „Kern“ des „Menschseins“ (S. 184)? Ist es sinnvoll, die technologische Entwicklung zu hemmen? Lässt sich die Anwendung von Gewalt gegen ein Regime rechtfertigen?

5. Strukturelle und sprachliche Besonderheiten

Der Roman schildert nacheinander beide Gesellschaften und zerfällt so in zwei Teile, die scharf miteinander kontrastieren und trotzdem, wie sich am Ende herausstellt, nur zwei Seiten einer Medaille bilden. Während der Anfang vor der eher utopischen Kulisse der Konurba spielt, wird die Handlung danach in den idyllischen Landkreis verlagert, dessen Beschreibung Bilder eines „guten alten Englands“ des 19. Jahrhunderts heraufbeschwört, was sich schließlich aber als große Täuschung herausstellt, so dass Rob es vorzieht, wieder in seine alte Umgebung zurückzukehren. Zunächst wird der Leser aber mit London konfrontiert, einer gefährlichen und hektischen Großstadtlandschaft, die eine Mischung aus der technisch-wissenschaftlichen Zivilisation von heute und dem alten Rom mit seinen blutigen Massenvergnügungen darstellt. Für diese Welt erfindet Christopher einen speziellen Wortschatz; es gibt „Holovision“, „Terraflüge“ und „Luftblasen-Girls“. Der Individualist Rob fühlt sich hier fremd und sehnt sich nach dem Landkreis, ohne Näheres über ihn zu wissen. Als er sich dort eingelebt hat, teilt der Leser anfänglich Robs Erleichterung darüber, nun der hektischen Konurba entkommen zu sein. Zwar wird die Spannung aufrechterhalten, weil Rob seine wahre Identität verbergen muss, aber erst im Laufe der Zeit wächst die bedrohliche Stimmung wieder an, bis schließlich die Zusammenhänge zwischen den beiden Welten in vollem Umfang enthüllt worden sind. Der Roman ist dabei so verfasst, dass der Leser den Bewusstseinswandel Robs mit nachvollzieht: Rob illusioniert das Angebot aus, in den elitären Kreis der „Wächter“ aufzusteigen, nachdem er den Charakter der Gesellschaft durchschaut hat. Der Roman wird konsequent aus der Sicht Robs erzählt.

6. Didaktische Anregungen

Am Beginn der Unterrichtseinheit kann ein Brainstorming durchgeführt werden. Die Schüler werden aufgefordert, ihre wichtigsten Eindrücke zu dem Buch zu nennen. Diese werden stichwortartig an der Tafel gesammelt und bilden dann Ausgangspunkte für kurze Rezensionstexte. Der Lehrer kann daraus die besonderen Interessenschwerpunkte der Schüler entnehmen; sie dienen als Grundlage für die weitere Unterrichtsplanung und können am Ende der Arbeit an dem Roman noch einmal aufgegriffen werden, um zu erörtern, in welcher Weise sich die Einstellungen der Leser im Laufe der Zeit verändert haben.
Das Textverständnis kann im Rahmen einer Gemeinschaftsarbeit gesichert werden. Die Klasse fertigt zu diesem Zweck ein Wächter-Lexikon an: In der ersten Stunde wird jedem Schüler ein Begriff zur Bearbeitung genannt, der für den Roman erfunden wurde oder der darin eine besondere Bedeutung hat (z. B. „Konurba“, „Karneval“, „Landkreis“, „Sitte“, „Buch“). An einem festgesetzten Termin werden die Artikel eingesammelt und zusammengefügt. Das fertige Lexikon kann dann im Klassenraum zur Benutzung ausgelegt werden.

Konurbaner und Landadlige
Ein Vergleich zwischen den beiden Welten, die der Roman darstellt, kann mithilfe eines Arbeitsblattes eingeleitet werden. Die Schüler sollen sich bei der Bearbeitung auf das Leben und die Einstellungen eines typischen Konurbaners und Landadligen beziehen.

  Konurbaner Landadliger
Erziehung    
Ernährung    
Arbeit    
Freizeit    
Selbstbild    
Bild von der jeweils
anderen Gruppe
   

Im Anschluss an die Besprechung der Ergebnisse wird gemeinsam über den Hintergrund dieser zweigeteilten Gesellschaft nachgedacht:

  • Inwiefern ist die Zufriedenheit beider Gruppen mit ihrem Leben und der Gesellschaftsforminsgesamt jeweils
    gerechtfertigt?
  • Welche Auswirkung hätte es, wenn die Konurbaner und die Landbewohner mehr über einander wüssten?
  • Wie ist der Satz des Revolutionärs Penfold „Unzufriedenheit ist Teil der Freiheit“(S. 127) zu verstehen? Kann
    man dem zustimmen? Wie viel Zufriedenheit benötigt man?
  • Wo finden sich im gegenwärtigen Leben Vorbilder für die Lebensformen und Haltungen, die der Roman schildert?

Eine „perfekte“ Welt
Sir Percy preist gegenüber Rob die Gesellschaft, deren oberster „Wächter“ er ist, quasi als perfekte Welt. Am Beginn dieses Unterrichtsbausteins sollten die Schüler zunächst darüber sprechen, was sie selbst unter einer „perfekten Welt“ verstehen. Kann es sie geben? Wenn ja, wie müsste sie aussehen? Bei geschichtlich interessierten Lerngruppen kann auch über vergangene oder existierende Versuche, eine perfekte Welt zu schaffen, gesprochen werden. Interessant ist dabei die Frage, was daraus geworden ist und warum die Versuche gewöhnlich scheitern.
Anschließend soll untersucht werden, wie die vermeintlich perfekte Welt des Sir Percy gestaltet ist und auf welchen Grundlagen sie beruht. Die Schüler sollen zu diesem Zweck eine Art Verfassungsurkunde der geheimen „Wächter“entwerfen. Diese Charta kann ca. zehn Paragrafen umfassen, in denen die wesentlichen Prinzipien des Staats und seiner Organisation niedergelegt sind. Zu jedem Paragrafen sollte kurz erläutert werden, auf welchen Grundlagen und Überlegungen er beruht. Bei der Arbeit an dieser Urkunde wird der Text herangezogen; in einem Unterrichtsgespräch werden die Ergebnisse besprochen.
In einem weiteren Schritt erfolgt die Problematisierung in einem Rollenspiel. Eine Gruppe von „Wächtern“ führt ein Streitgespräch mit einigen Revolutionären wie Rob und Mike, in dem die Paragrafen der Verfassungsurkunde kontrovers diskutiert werden.

Fortsetzung
Da Christophers Roman ein offenes Ende hat, wird die Phantasie des Lesers besonders stark angeregt. Naturgemäß möchten die Schüler wissen, wie Robs Geschichte weitergeht. Daraus kann die Motivation entstehen, selbst Fortsetzungen zu schreiben. Je nach Interesse und vorgesehenem Zeitaufwand können unterschiedliche Aufgaben gestellt werden. In Gruppenarbeit lassen sich z. B. Exposés anfertigen, die ein Gesamtkonzept enthalten (Inhaltsangabe, Personenverzeichnis, Entwicklung neuer und schon bekannter Figuren, Charakterisierung der Orte, eventuell Einführung neuer Begriffe und technologischer Entwicklungen in der Konurba usw). In Einzelarbeit kann auch ein ganzes Kapitel vollständig ausgeführt werden. Dabei sollte die Möglichkeit bestehen, von der Erzählweise der Vorlage abzuweichen, indem etwa aus der Sicht Mikes oder einer anderen Figur berichtet wird.

Verfilmung/Fotoroman
Es gibt zu Die Wächter eine deutsch-englische Fernsehserie in sechs Teilen (deutsche Erstausstrahlung: ARD 1986). Die Hauptrolle spielte Martin Tempest, zu den weiteren Darstellern gehörte u. a. Robert Atzorn. Zu der Serie gibt es eine interessante (private) Website unter der Adresse http://www.the-guardian.de [Stand: Juli 2006], die zahlreiche Szenenfotos, einen Episoden-Führer und weiteres Material verzeichnet, das sich mit Gewinn im Unterricht verwenden lässt. Der Roman eignet sich auch dazu, ein eigenes Filmprojekt durchzuführen oder in einen Fotoroman umgestaltet zu werden.


Empfohlen von Stefan Munaretto

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