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Rolfs Geheimnis von Stefan Gemmel. Jugendbuchempfehlung

Stefan Gemmel:

Rolfs Geheimnis

1. Bibliografische Angaben und Lesestufe

  • Stefan Gemmel: Rolfs Geheimnis. Und wir dachten alle immer, der spinnt nur. Neureichenau: edition zweihorn, 2005, 80 S.
  • Lesestufe: 5. Klasse

2. Inhaltsangabe

Sebastian zieht mit seinen Eltern in eine neue Stadt. Noch in den Sommerferien findet er Anschluss an die Nachbarskinder und zukünftigen Klassenkameraden Phillip, Max und Ina. Als ihnen Rolf begegnet, erklären die neuen Freunde, dass man diesen Jungen meiden müsse, weil er spinne und manchmal stinke. Nach den Ferien kommt Sebastian in das siebte Schuljahr. Er ist entsetzt, als die Lehrerin ihm einen Sitzplatz neben Rolf zuweist. Er meidet jeden Kontakt mit seinem Banknachbarn und fährt ihn immer wieder schroff an. Als die erste Mathematikarbeit geschrieben wird, ist Sebastian völlig überfordert. Plötzlich schiebt ihm Rolf ungefragt einen Zettel mit den Lösungen zu. Als Sebastian sich am Nachmittag dafür bedanken will, spürt er, dass ihn Rolf an der Tür „abwimmelt“. Ihm wird klar, dass er eigentlich gar nicht weiß, wieso keiner in der Klasse Rolf leiden kann. Am nächsten Tag nimmt er den Außenseiter vor den verbalen Angriffen der Mitschüler in Schutz und verabredet sich mit ihm. Bei Sebastians Besuch wirkt Rolf nervös. Schließlich stellt er seinen geistig und körperlich schwer behinderten Bruder Thomas vor, der offensichtlich der Grund für die Unsicherheit ist. Rolf muss ihn jeden Nachmittag beaufsichtigen und pflegen, während die Eltern arbeiten. Sebastian wird bewusst, welchen Belastungen sein Mitschüler ausgesetzt ist und wie ungerecht sein bisheriges Verhalten war. Die beiden Jungen machen gemeinsam mit Thomas im Rollstuhl einen Spaziergang. Sebastian erfährt viel über Thomas, was ihn sehr nachdenklich macht. Er verbringt nun immer mehr Zeit mit Rolf und spürt dafür bei Max, Phillip und Ina offene Ablehnung, es kommt sogar zu einer Schlägerei. Schließlich überlegen sich die beiden Freunde einen Plan, um auch den Mitschülern Rolfs besondere Lebenssituation zu erklären. Sie bringen – in Absprache mit der Lehrerin – Thomas in den Unterricht mit, um ihn der Klasse vorzustellen. Die Mitschüler reagieren zunächst unsicher, haben dann aber viele Fragen an Rolf, verlieren ihre Berührungsängste und setzen sich mit dem Thema Behinderung auseinander. Am Nachmittag besuchen viele von ihnen Rolf und spielen mit Thomas. Lediglich Phillip zeigt sich noch sehr ablehnend, während Max und Ina sich für ihr Verhalten entschuldigen.

3. Kurzinformationen zum Autor

Stefan Gemmel wurde 1970 im Hunsrück geboren und lebt und arbeitet heute in der Nähe von Koblenz. Er hat bereits zahlreiche Kinder- und Jugendbücher veröffentlicht, so z. B. Es war einmal ..., die Reihe der Wuff-Bücher und Kathrin spricht mit den Augen, das sich wie Rolfs Geheimnis mit dem Thema Behinderung beschäftigt. Gemmel, der selbst als gelernter Heilerziehungspfleger lange mit behinderten Menschen gearbeitet hat, bringt nach eigenen Worten viele seiner Erfahrungen in das Buch ein. „Wenn eine Familie ein behindertes Kind hat“, so sagt er, „dann muss die ganze Familie ihren täglichen Ablauf diesem Kind anpassen. Dies gilt für die Eltern ebenso wie für die Geschwisterkinder. Und auch, wenn die Geschwister für ihr soziales Verhalten von dieser Situation lernen und mehr als andere gestärkt werden, so müssen sie doch oft und viel zurückstecken in ihren eigenen Wünschen und Zielen. Dies habe ich während meiner Arbeit als Heilerziehungspfleger beobachtet, und dies wollte ich am Beispiel des Rolf veranschaulichen.“ (http://www.gemmel-buecher.de [Stand: 8/2005]) Der Autor bietet zahlreiche Lesungen in Schulen an, die sehr unterschiedliche Schwerpunkte haben können. So sind Workshops zur Entstehung eines Buches, aber auch an den Themen seiner Bücher orientierte Veranstaltungen möglich (nähere Informationen unter http://www.gemmel-buecher.de).

4. Allgemeine Einordnung

Rolfs Geheimnis kann thematisch sehr unterschiedlich im Unterricht behandelt werden und ist somit vielseitig einsetzbar. Die Geschichte eignet sich sowohl für den Deutschunterricht als auch für die Fächer Religion/Ethik oder Politik. Natürlich ist ein fächerübergreifendes Projekt ebenfalls denkbar. Drei verschiedene Schwerpunktsetzungen sind möglich. In den Mittelpunkt gestellt werden können die Themen Ausgrenzung und Mobbing (durch körperliche und verbale Gewalt), verantwortliches Handeln in der Familie (Sebastian hilft im Haushalt, als seine Mutter krank ist, Rolf betreut den behinderten Bruder) oder das Leben mit einer Behinderung. Zudem bietet das Buch die Gelegenheit, das Klassenklima und den Umgang mit Mitschülern zu thematisieren. Dass alle von Rolf glauben, „der spinnt nur“ (Untertitel), zeigt z. B. sehr deutlich, wie wenig die Schüler voneinander wissen. Dies  kann ein Anlass sein, um in einer Klassleiterstunde Partnerinterviews durchführen zu lassen, in denen Mitschüler, die kaum Kontakt haben, möglichst viel über das Gegenüber herausfinden müssen.

5. Strukturelle und sprachliche Besonderheiten

Die Erzählung besteht aus zwei Teilen. Der erste ist sehr kurz (S. 3–23) und trägt die Überschrift „Rolf“. Der Leser erfährt noch nichts über „Rolfs Geheimnis“, erst zu Beginn des zweiten Teils „Thomas“ (S. 25–75) wird der behinderte Bruder vorgestellt. Beide sind nochmals in Kapitel unterteilt (in fünf bzw. acht), so dass die Handlung sehr übersichtlich gegliedert ist. Erzählt wird aus Sebastians Sicht in der Ich-Perspektive. Sprachlich ist das Buch sehr einfach, auch die Handlung ist leicht zu erfassen, weil sie chronologisch und zudem oft in Dialogform geschildert wird. Die Erzählung eignet sich daher sicherlich bereits für die Grundschule bzw. für sehr leistungsschwache Klassen. Der Text kann von den Schülern ohne Probleme vorbereitend zuhause gelesen werden, die vielen Dialoge bieten aber auch ein gemeinsames Lesen mit verteilten Rollen an. Viele Szenen können anschließend gespielt werden.

6. Didaktische Anregungen

Konzeption der Unterrichtsreihe
Bevor die Klasse das Buch gelesen hat (z. B. beim Austeilen der angeschafften Lektüre), kann als Einstieg in die Besprechung spekuliert werden, welche Beziehung die Personen auf dem Cover haben. Hier wird den Schülern auffallen, dass ein Junge alleine steht, sich aber vorsichtig zu einer Gruppe umdreht. Zusammen mit dem Untertitel („Und wir dachten alle immer, der spinnt nur.“) vermuten sie schon bald, dass der Junge im Vordergrund wohl ein Außenseiter ist. Nun liest man gemeinsam den Klappentext und sichert mit dessen Hilfe bereits eine Übersicht über die Hauptpersonen an der Tafel. Die Wörter „Zivilcourage“ und „Toleranz“, die darunter stehen, werden (evtl. von Schülern) erklärt. Anschließend erzählen die Schüler Beispiele zu den Begriffen. Nun beginnt die Auseinandersetzung mit dem Text. Im Folgenden werden Vorschläge für eine weitestgehend chronologische Aufarbeitung des Geschehens gemacht (s. u. zur Besprechung der beiden Teile). Um die Veränderung der Beziehungen nachzuvollziehen, kann parallel dazu während der gesamten Unterrichtsreihe zum einen Sebastians Tagebuch angelegt werden (nach jedem Kapitel schreiben die Schüler einen Eintrag), zum andern kann man die namentlich bekannten Kinder der Klasse an einer Wandtafel aufhängen und nach jedem Kapitel so anordnen, wie die Personen nun zueinander stehen. Diese Methode visualisiert zunächst sehr schön Rolfs Außenseiterrolle, dann aber auch die zunehmende Annäherung Sebastians. Alternativ kann mit Standbildern gearbeitet werden. Zum Abschluss der Unterrichtsreihe schreiben die Schüler einen Brief an den Autor Stefan Gemmel, in dem sie bewerten, was ihnen an dem Buch gut und was nicht gefallen hat.

Besprechung des 1. Teils „Rolf“
Bei der Bearbeitung des ersten (kürzeren) Teils kann man zunächst gemeinsam mit der Klasse lesen (mit verteilten Rollen). Nach den ersten beiden Kapiteln sollte Sebastians Verhalten gegenüber Rolf besprochen werden. Er hat Vorurteile, nur weil seine Freunde schlecht über Rolf reden. Es lässt sich also gut herausarbeiten, wie ein Vorurteil entsteht. Außerdem werden auf diesen wenigen Seiten bereits die Charaktereigenschaften der Kinder deutlich. Im zweiten Kapitel kann man auch Sebastians Angst am ersten Schultag in der neuen Schule thematisieren, so können die Kinder eine eigene Geschichte mit den Erinnerungen an ihren ersten Schultag an der weiterführenden Schule schreiben. Im dritten Kapitel beschreibt Sebastian die schwierigen Tage, an denen seine Mutter krank ist. Hier sollte der Unterricht an die Erfahrungen der Kinder anknüpfen. Sie können z. B. Arbeiten im Haushalt, die sie gerne machen bzw. gar nicht mögen, malen. Da das dritte Kapitel fast nur Sebastians Gedanken wiedergibt, kann es besonders gut in einen Tagebucheintrag umgeformt werden oder als Vorleseübung für gefühlsbetontes Lesen dienen. Als Sebastian dann später sieht, wie viel Verantwortung Rolf jeden Tag zuhause übernimmt, muss das Kapitel natürlich wieder aufgegriffen werden. Nachdem Rolf Sebastian bei der Klassenarbeit geholfen hat (viertes Kapitel), hinterfragt dieser zum ersten Mal seine Vorurteile. Zentral ist hier die Frage, die Sebastian durch den Kopf geht: „Warum war Rolf bloß ein solcher Außenseiter und wieso gingen ihm alle aus dem Weg?“ (S. 20) Die Begriffe „Außenseiter“ und „Vorurteil“ werden nun im Unterricht in verschiedenen Formen in den Mittelpunkt gerückt. Die Schüler schreiben z. B. Geschichten zu den Themen oder sammeln mithilfe einer Kartenabfrage Gründe, wieso einzelne Schüler zu Außenseitern werden. Im fünften und letzten Kapitel ergreift Sebastian zum ersten Mal vor der Klasse Partei für Rolf. Diese Szene kann man sehr schön nachspielen. Das Rollenspiel wird immer wieder „eingefroren“, also vom Lehrer angehalten (die Schüler halten in ihren Bewegungen inne), dann sollen die Schauspieler aussprechen, was genau in diesem Moment in den Köpfen ihrer Figuren vorgeht. Sebastian hat z. B. wahrscheinlich Angst und ist unsicher, bevor er Max widerspricht, als sich dieser über Rolf lustig macht, und Rolf ist verwundert, dass jemand zu ihm hält.

Besprechung des 2. Teils „Thomas“
Im zweiten Teil tritt Rolfs behinderter Bruder Thomas auf. Hier muss man bei der Unterrichtsvorbereitung entscheiden, ob der Schwerpunkt der Reihe weiterhin auf den Aspekten Vorurteile, Miteinander in der Klasse und Zivilcourage liegen soll oder ob man die Behinderung und ihre Konsequenzen ins Zentrum rücken möchte. Das erste Kapitel, in dem Rolf sein „Geheimnis“ lüftet, lebt von den Gefühlen der beiden Jungen Sebastian und Rolf. Diese sollen die Schüler (in Gruppen) möglichst treffend mit Adjektiven beschreiben. Von zentraler Bedeutung ist dann der Satz „Ich schämte mich.“ (S. 31) Die Schüler schreiben in Paaren ein Rollenspiel, in dem Sebastian am Abend seiner Mutter von den Ereignissen erzählt und ihr dieses Gefühl der Scham zu erklären versucht. Alternativ kann die Bedeutung dieses Satzes durch Sebastians Tagebuch erarbeitet werden. Im zweiten Kapitel unternehmen Sebastian und Rolf einen Spaziergang mit Thomas. „Und plötzlich bekam ich große Lust, etwas mit ihm und seinem Bruder zu unternehmen.“ (S. 32) Dieser Satz kann der Gesprächsanlass sein, mit den Schülern Thomas’ Behinderung genauer zu betrachten: Was kann er unternehmen, was nicht? Was macht ihm wohl Spaß, was ist eher eine Belastung? Um diese Fragen zu beantworten, müssen die Schüler zunächst die Textstellen unterstreichen, in denen sie etwas über Thomas’ Behinderung erfahren. An dieser Stelle der Buchbesprechung kann das Leben als Behinderter bzw. mit Behinderten thematisiert werden. Hier ist ein erfahrungsorientierter Ansatz möglich. Man kann für die Schüler einen Parcours aufbauen, in dem sie selbst erfahren können, was es heißt, mit Handicaps leben zu müssen. Mögliche Aufgaben:

  • Frisbee spielen mit einem festgebundenen Arm,
  • „blind“ mit „Blindenstock“ durch Schulraum und Flure laufen,
  • mit dem Mund Namen schreiben,
  • nur mit Blick auf einen Spiegel einen Stern nachzeichnen,
  • mit gefesselten Händen etwas essen,
  • mit einem Streichholz zwischen den Lippen etwas erklären und
  • nur mit den Händen Alltagsgegenstände erkennen.

Im Anschluss müssen die Erfahrungen z. B. in einem Stuhlkreis ausgetauscht werden. Der Parcours kann dann auch von der Klasse für andere Schüler der Schule angeboten werden. Natürlich können die Schüler auch die Spiele nachspielen, die Sebastians Lehrerin mit ihrer Klasse durchführt (S. 67–71). Eine andere für Schüler beeindruckende Erfahrung sind gemeinsame Aktivitäten mit behinderten Menschen, z. B. durch den Besuch in einer Behindertenwohngruppe oder Arbeitswerkstatt. So könnte die Klasse an einem Bastelnachmittag, einer Tanzgruppe o. Ähnl. teilnehmen. Sehr viele Ideen und Material bietet der Verein Lebenshilfe e. V. (u. a. auf seiner Homepage http://www.lebenshilfe.de). Auch die Rolle von Geschwistern schwerkranker oder behinderter Kinder kann thematisiert werden, indem man das Gespräch zwischen Rolf und seinen Eltern (die von Rolfs Außenseitertum nichts gewusst haben) im sechsten Kapitel (S. 58) als Rollenspiel umsetzt. Neben der Auseinandersetzung mit Thomas’ Behinderung ist aber auch Sebastians Entwicklung während des zweiten Kapitels interessant und für die Schüler gewinnbringend. So zeigt das dritte Kapitel sehr deutlich, wie stark Sebastian emotional von der Bekanntschaft mit Thomas ergriffen worden ist. Die Schüler können vorspielen, was Sebastian seiner Mutter am Abend erzählt (vgl. S. 41), oder einen inneren Monolog Sebastians zu den Urlaubsplänen seiner Mutter verfassen (S. 39). Um die Arbeiten in eine Richtung zu lenken, kann man den Anfang des Monologs vorgeben: „Wie Rolf wohl seinen Urlaub verbringt? War er schon mal am Meer? ...“ Im vierten Kapitel bricht dann der Streit zwischen Sebastian und den Mitschülern – eigentlich seinen Freunden – offen aus. Sebastian ergreift Partei für Rolf und es kommt zu einer Schlägerei mit Phillip. Hier wird Sebastian deutlich, dass er etwas tun muss, um die Situation zu verbessern. Besonders Phillips stures Verhalten am Ende des Buches regt zu Diskussionen an; die Schüler können ein Fortsetzungskapitel schreiben, in dem Phillip seine Meinung doch noch ändert.


empfohlen von Christiane Althoff

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