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Mit Kindern redet ja keiner von Kirsten Boie. Jugendbuchempfehlung

Kirsten Boie:

Mit Kindern redet ja keiner

1. Bibliografische Angaben und Lesestufe

  • Kirsten Boie: Mit Kindern redet ja keiner. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch,
    2005, 144 S.
  • Lesestufe: 5.–6. Klasse

2. Inhaltsangabe

In Mit Kindern redet ja keiner erzählt die 9-jährige Charlotte von der zunächst langsam einsetzenden und dann sich steigernden depressiven Erkrankung ihrer Mutter, die schließlich zu einem Selbstmordversuch führt. Anfangs sind Charlotte und ihre Eltern eine „Bilderbuchfamilie“: Der Vater ist als Rechtsanwalt tätig, die Mutter  glücklich über das und mit dem Kind. Irgendwann empfindet die Mutter diese Situation nicht mehr als zufriedenstellend und nimmt ein Studium auf; die Tochter kommt zu einer Tagesmutter, bei der sie sich sehr wohl fühlt. Eine zweite Veränderung ergibt sich durch den Umzug von der Stadt aufs Land in ein eigenes Haus, bei dem wieder die Mutter die treibende Kraft ist. Charlotte geht in den Kindergarten, dann zur Schule, aber durch die Entfernung zur Universität sind Studium und Familie nun noch schwerer unter einen Hut zu bringen, vor allem da die Mutter vonseiten ihres Mannes nicht einmal emotionale Unterstützung für ihre beruflichen Pläne erhält. Sehr bald ist sie gezwungen, das Studium aufzugeben. Ob das allerdings der einzige oder hauptsächliche Grund für die einsetzende Depression ist, bleibt offen. Das Lebensmodell der Eltern bildet einen Kontrast zu der Familie von Charlottes neuer Freundin Lule: Deren warmherzige und lebenskluge Mutter ist halbtags berufstätig, aber die daraus entstehenden Probleme werden mit Gelassenheit gemeistert; dem geordneten Vorzeigeheim wird ein liebevolles Chaos gegenübergestellt. Die Depression äußert sich zunächst in großer Gereiztheit. In einer Auseinandersetzung schreit die Mutter Charlotte vor Lule an und schlägt sie auch. Zwar schenkt sie der Tochter als Entschuldigung einen Hamster, doch fortan steht etwas zwischen den beiden. Das Tier wird für Charlotte immer wichtiger, je mehr sich ihre Mutter von der Familie abkapselt. Zugleich schreitet die Krankheit weiter fort. Die Mutter vernachlässigt den Haushalt und die Familie, worauf der Vater zunehmend mit Wut reagiert. Warme Mahlzeiten sind die Ausnahme, und in dem vormaligen Bilderbuchhaus klebt der Fußboden. Um die Mutter in Schutz zu nehmen, schwindelt Charlotte sogar, was die Laune des Vaters nur noch schlimmer macht. Konkrete Schritte gegen die Depression seiner Frau unternimmt er jedoch nicht, sondern sorgt sich vielmehr, wie er ihren Zustand geheim halten kann. Charlotte wendet sich mehr und mehr Lule und deren Mutter zu. Diese versucht, die Depression als etwas mehr oder weniger Normales hinzustellen, das auch wieder vorbeigeht. Auf die Idee, ihrerseits das Gespräch mit Charlottes Mutter zu suchen, kommt sie nicht. Erst als die Mutter angesichts der Aufgabe, den Vorgesetzten des Vaters und dessen Frau zum Essen zu empfangen, ihr Heil im Cognac sucht und der Vater die Einladung unter einem fadenscheinigen Vorwand absagen muss, wird er aktiv. Er bringt seine Frau zum Arzt und sie erhält Medikamente. Um seine Tochter kümmert er sich, indem er sie ablenkt. Was eigentlich mit ihrer Mutter nicht stimmt, erzählt er ihr nicht. Charlotte wird mit zunehmendem Druck zu Hause immer in sich gekehrter, sie flüchtet in Gespräche mit einem imaginären Indianer; ihren Hamster vernachlässigt sie und zu Lule und deren Mutter traut sie sich mit ihren Sorgen nicht mehr – aus Scham und weil ihr Vater nicht will, dass jemand von der Erkrankung erfährt. Die Situation verbessert sich nicht. Ein vorläufiger Höhepunkt ereignet sich in der Vorweihnachtszeit, als Charlotte bei einer Aufführung ihrer Ballettgruppe ein Solo tanzen darf. Für die Mutter ist schon der Aufbruch eine Zumutung. Plötzlich, in einer Art Panik, verlässt sie den Bus, das Kind mit ihr, und sie gehen zwei Stunden lang zu Fuß nach Hause. Der Vater hat bereits vorher abgesagt. Charlottes Enttäuschung über die geplatzte Vorstellung und die Unfähigkeit beider Eltern ist sehr groß, doch übernimmt sie aus Scham auch gegenüber Lule die Ausrede ihres Vaters und versucht, den Vorfall und ihre Kränkung zu überspielen.
Kurz vor Weihnachten kommen Charlottes Großmütter zu Besuch und bringen entschlossen das Haus wieder auf Vordermann; es kommt sogar ein Ansatz von Weihnachtsstimmung auf. Doch gleich danach eskaliert die Situation: Die Mutter steht kaum noch auf, kocht und wäscht gar nicht mehr. Charlotte isst sich bei Lule satt, was schon auffällt; auch ihre Lehrerin macht sich Sorgen. Der Hamster stirbt an Vernachlässigung. Und eines Tages, als Charlotte von der Schule nach Hause kommt, macht keiner auf. Von der Nachbarin erfährt sie, dass ihre Mutter im Krankenhaus ist. Niemand, vor allem nicht der Vater, redet ausführlich mit dem Kind über das, was passiert ist, so dass Charlotte nur durch Andeutungen und Gerüchte erfährt, dass ihre Mutter einen Selbstmordversuch unternommen hat. Damit ihre Mutter wieder gesund wird, will sie Gott „bestechen“, indem sie ein Paket für Kinder in Afrika packt. Es fällt ihr schwer zu verstehen, dass jemand von sich aus nicht mehr leben will; als sie Gründe für die Krankheit der Mutter sucht, gibt sie sich selbst die Schuld. Gehässige Mitschüler machen ihr Angst: Sie werde die „Verrücktheit“ ihrer Mutter erben. Charlotte überlegt auszureißen, sieht aber schnell die Unmöglichkeit dieses Vorhabens ein. In dieser Zeit wird auch Lule wieder zu einem wichtigen Anlaufpunkt für sie, da sie von den Erwachsenen wie ihrem Vater und ihrer Großmutter, die den Haushalt aufrechterhält, nicht die Unterstützung erfährt, die sie braucht. Erst Lules Mutter führt mit ihr ein eingehendes Gespräch über die Krankheit, die Therapie und mögliche Heilungen. Charlottes Sorgen stellen sich als unbegründet heraus und das Gespenst, ihre Mutter sei in der „Irrenanstalt“, ist gebannt. Die Geschichte endet
damit, dass Charlotte das erste Mal zusammen mit ihrem Vater die Mutter in der Klinik besuchen darf.

3. Kurzinformationen zur Autorin

Kirsten Boie, Jahrgang 1950, ist eine der bekanntesten Kinder- und Jugendbuchautorinnen Deutschlands. Ihre regelmäßig erscheinenden Bücher erfreuen sich großer Beliebtheit beim jugendlichen Zielpublikum, aber auch bei Erwachsenen, weil ihr Stil in gleicher Weise literarisch anspruchsvoll und für Kinder und Jugendliche verständlich ist. 1985 erschien ihr erstes Buch Paule ist ein Glücksgriff, das bereits mit mehreren Preisen geehrt wurde. Es folgten ca. 60 weitere Titel, die zum großen Teil auch in andere Sprachen übersetzt wurden. Neben  ihren Büchern schreibt Kirsten Boie auch Drehbücher für das Kinderfernsehen und Aufsätze über Jugendliteratur.

4. Allgemeine Einordnung

Kirsten Boies Buch rührt an ein Tabuthema: wenn Eltern keine Eltern mehr sein können oder wollen, mehr noch: wenn ein nahestehender Mensch nicht mehr leben will. Die Autorin zeigt auf, wie weder in der Familie noch in der Öffentlichkeit unvoreingenommen mit der Krankheit Depression umgegangen werden kann. Scham überwiegt Hilfsbereitschaft und Verständnis, das Thema wird möglichst totgeschwiegen und hinter vorgehaltener Hand spricht man von „Verrücktheit“. Charlotte leidet sehr unter diesem Verhalten und damit kommt ein zweites  wichtiges Thema ins Spiel, auf das der Titel schon hinweist: Mit Kindern redet ja keiner ist ein eindrückliches Plädoyer dafür, Kinder ernst zu nehmen und einzubeziehen. Charlotte hat ein großes Bedürfnis, zu verstehen, was mit ihrer Mutter geschieht, und über ihre Gedanken und Sorgen zu sprechen. Sie wird mit diesen jedoch völlig alleingelassen und von den Gesprächen der Erwachsenen ausgeschlossen. So glaubt sie den Mitschülern, dass ihre Mutter „verrückt“ sei und sie diese Eigenschaft erben werde. Und weil ihr niemand eine andere Erklärung liefert, sucht sie die Gründe für den fehlenden Lebenswillen der Mutter bei sich selbst. Die Auseinandersetzung mit den Themen Depression und Selbstmord, Glück und Sinn des Lebens ist für Kinder der frühen Sekundarstufe I nicht leicht, und sowohl vom Alter der Protagonistin als auch von der Sprache her richtet sich die Geschichte gerade an vergleichsweise junge Leser. Das Buch endet zwar offen, gibt aber insgesamt nicht  unbedingt Anlass zum Optimismus. Die Behandlung im Unterricht erfordert Mut, einen hohen Grad an Einfühlung und ein vertrauensvolles Lehrer-Schüler-Verhältnis; unter diesen Voraussetzungen ist sie jedoch sicherlich lohnenswert.

5. Strukturelle und sprachliche Besonderheiten

Mit Kindern redet ja keiner besteht aus zwei Teilen und wird durch den Selbstmordversuch der Mutter strukturiert. Beide Teile beginnen damit, wie Charlotte unmittelbar danach von dem Vorfall erfährt. Davon ausgehend wird im ersten Teil in einer Art Rückblende die allmähliche Steigerung der Krankheit erzählt. Hier steht vor allem das Phänomen Depression im Mittelpunkt: wie die Familie unter der Krankheit zu leiden hat, aber auch, wie sie sich dieser gegenüber (nicht) verhält. Der zweite Teil setzt die Handlung fort. Es geht um die Folgen des Selbstmordversuchs und der klinischen Behandlung der Mutter für Charlotte. Hier stehen stärker eine Auseinandersetzung mit den Ursachen der Depression und die Sicht der Öffentlichkeit im Vordergrund. Das Buch weist einen geschlossenen Anfang auf, die Vorgeschichte wird erzählt. Das Ende ist offen, insofern die Mutter überlebt hat, sich offenbar in klinisch-therapeutischer Behandlung und auf dem Weg der Besserung befindet, aber noch nicht als geheilt betrachtet werden kann. Die Sprache ist einfühlsam und für die Zielgruppe verständlich. Es wird aus der Ich-Perspektive Charlottes geschrieben, ohne dass die Sprache übertrieben kindlich oder aufgesetzt wirkt.

6. Didaktische Anregungen

  • Vergleich des Lebens der Familie in der Stadt mit dem Leben nach dem Umzug
    ➝ Spielszenen (z. B.: Charlotte trifft ihre alte Freundin Beate, die Mutter sitzt einmal wieder auf dem Spielplatz mit den anderen Müttern beisammen.)
  • Suche nach den Ursachen: Wäre etwas anders gelaufen, wenn z. B. die Mutter ihr Studium nicht aufgegeben hätte?
    ➝ weitere(s) Kapitel, alternative Handlung, Bildergeschichte
  • Auseinandersetzung mit dem Idealbild von Familie
    -    Wie hat es vor der Depression der Mutter bei Charlotte zu Hause ausgesehen, wie sieht es seit der Erkrankung aus?
    ➝ Bilder, Collagen
    -    „Meine ideale Familie: Was ich mir von meinen Eltern wünsche, was ich für die Familie tun würde“
    ➝ Bild, Collage, Text
  • Der Ballett-Abend – wenn es geklappt hätte
    ➝ Kapitel, Tagebuch, Brief
  • Lules Mutter
    -    Was unterscheidet sie von Charlottes Mutter?
    ➝ Figur ausbauen, z. B. in Szenen aus dem Famlienleben bei Lule oder weiteren Kapiteln
    -    Zwiespältigkeit der Figur: einerseits die Sympathieträgerin im Buch, andererseits: Wenn sie so viel Verständnis für die Erkrankung von Charlottes Mutter hat, warum spricht sie sie nicht einmal an?
    ➝ alternativen Handlungsverlauf schreiben: Die Mütter bekommen Kontakt zueinander, schließlich spricht Lules Mutter die Depression an.
  • Der Vater erscheint zwar nicht als „Monster“, das seine Familie tyrannisiert, ist aber stark auf Äußerlichkeiten und den „schönen Schein“ bedacht; eine Änderung seines Verhaltens deutet sich vorsichtig an.
    ➝ Wandlung herausarbeiten (Wie versucht er, seiner Frau wirklich zu helfen? Wie lässt sich das Verhältnis zwischen Vater und Tochter beschreiben?)
  • Der Hamster ist einerseits die wichtigste innerfamiliäre „Bezugsperson“ Charlottes, andererseits wird er von ihr vernachlässigt, bis er schließlich stirbt.
    ➝ Gespräche, „Brief“ an das Haustier: mögliche Erklärungen der merkwürdigen Übertragung des Verhaltens der Mutter auf die Tochter, Rechtfertigungen, Entschuldigungen
  • verschiedene Reaktionsweisen der Umwelt (Verschweigen, Abstreiten, Ignorieren der Krankheit, Gehässigkeit gegenüber Charlotte) einander gegenüberstellen/vergleichen
    ➝ Spielszenen: Wie geht Charlotte damit um?
  • Fortsetzung der Geschichte: Charlottes Mutter wird aus der Klinik entlassen
    ➝ weitere Kapitel (Ggf. Bedürfnis der Schüler nach einem Happy End respektieren!)
  • Religion und Theodizee-Frage
    Scheinbar nur ein Randproblem, taucht die Frage doch immer wieder auf: Wie kann Gott das zulassen? Was muss man machen, damit Gott es sich „anders überlegt“? Charlotte wächst in einer atheistischen bzw.
    agnostizistischen Umwelt auf: Ihr Vater sagt, dass es Gott überhaupt nicht gebe, bei Lule zu Hause spielt Gott keine Rolle – man geht konsequenterweise nicht einmal mehr Weihnachten in die Kirche. Die Religionslehrerin weiß auf die entscheidenden Fragen keine Antwort. Dennoch ist es bemerkenswert, mit welcher Hartnäckigkeit Charlotte immer wieder auf die Gottesfrage zurückkommt. Fragen der frühkindlichen Religiosität sind sowohl im Unterrichtsgespräch als auch in produktionsorientierten Formen möglicher Gegenstand des Unterrichts.
    ➝ z. B. Briefe an Gott (Vergleich mit Auszügen aus Hallo, Mister Gott, hier spricht Anna von Fynn), Dialoge über Gott etc.
  • Sachinformation zum Thema Depression und/oder Psychiatrie (Beseitigen des Vorurteils, wer unter einer depressiven Erkrankung leide, sei „verrückt“)
    ➝ Lehrervortrag, Bericht lesen und wesentliche Information zusammenfassen (Leseverständnis)
  • Einladen eines Sozialarbeiters
    Besonders bei den letzten drei Aspekten sei nochmals darauf hingewiesen, dass es hier eines guten Gespürs dafür bedarf, was man seiner Klasse zumuten kann.


    empfohlen von Thomas Brand

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