Die Stadt der Tiere von Martin Klein. Jugendbuchempfehlungen

Martin Klein:

Die Stadt der Tiere

1. Bibliografische Angaben und Lesestufe

  • Martin Klein: Die Stadt der Tiere. Ein Tierkrimi. München: Omnibus, 2005, 304 S.
  • Lesestufe: 5.–6. Klasse

2. Inhaltsangabe

Der Terrier Sandino hat in Berlin einen Bund gegründet, dem die unterschiedlichsten Tiere angehören. Sie wollen einander in Freundschaft helfen, um irgendwann vereint den Menschen als gleichberechtigte Partner gegenüberzutreten. Eines Tages bittet eine Ratte Sandino um Unterstützung. Sie berichtet von einer merkwürdigen Krankheit, die ein fremder weißer Artgenosse gebracht habe und die ihre Population dezimiere: Die Ratten hätten ihr Hungergefühl verloren und würden allmählich an Unterernährung sterben. Die Bündnistiere stellen Nachforschungen an und vermuten den Ursprung der seltsamen Krankheit im Forschungslabor der Firma Happy Pharma, wo an Ratten scheinbar ein Diätmittel getestet wird. Sandino beschließt, der Sache auf den Grund zu gehen. Indessen ist Frieda, die Hündin des Wissenschaftlers Dr. Progres, ihrem Herrchen aus Protest gegen die von ihm durchgeführten Tierversuche entflohen. Der Hund Lobo nimmt sich ihrer an und erfährt so, dass Dr. Progres im Auftrag von Happy Pharma ein Diätmittel erfunden hat, das aus zwei Komponenten besteht. Zunächst wird das Hungergefühl durch ein Präparat namens „Happy Start“ außer Kraft gesetzt; nach erfolgreichem Gewichtsverlust soll „Happy Stopp“ die Wirkung wieder aufheben. Letzteres hat sich in Testreihen jedoch als problematisch erwiesen, weshalb sich der Pharmakonzern zum Abbruch des Projekts entschlossen hat. Der Marketingleiter Müller verfolgt allerdings eigene Interessen mit der nun eigentlich zur Vernichtung bestimmten „Happy Start“-Produktion: Er will mit dem Präparat als Rattengift „Rat’s Finest“ ein Konkurrenzunternehmen gründen und hat Dr. Progres für eine heimliche Weiterentwicklung gewonnen. Spätestens als Frieda von einer aus dem Labor entflohenen Albinoratte erzählt, die gegen „Happy Start“ immun ist, aber Artgenossen mit dem hungerstoppenden Erreger infizieren kann, ist Lobo der Zusammenhang zu der Geschichte, die er vom Bund der Tiere gehört hat, klar. Aufgeregt erkennt er, welche Gelegenheit sich ihm bietet. Er offenbart Frieda, dass man ihn vor langer Zeit aus Australien nach Europa verschleppt habe und dass er kein Hund, sondern der letzte noch lebende australische Beutelwolf sei. Daher sei es seine Aufgabe, sich an den Menschen für die Ausrottung seiner Art zu rächen; eher könne er nicht altern und nicht ruhen. Nun glaubt Lobo, einen Weg für seine Rache gefunden zu haben, und will mit Friedas Unterstützung die Tiere des Bundes dazu nutzen, das gefährliche Präparat gegen die Menschen selbst einzusetzen. Als Sandino Lobo aufsucht, um ihn um Unterstützung zu bitten, erfährt auch er Friedas Geschichte. Lobo willigt ein und gibt vor, ebenfalls den Ratten helfen zu wollen. Zusammen mit den Tieren des Bundes wird ein Plan entworfen, „Happy Start“ zu vernichten und das Gegenmittel an die kranken Ratten zu verteilen. Anschließend will man auch versuchen, die Tiere aus dem Labor zu befreien. Während der Vorbereitungen wird Sandino von der weißen Ratte in eine Falle gelockt und gefangen. Diese hat sich inzwischen zum „Rattenherrscher“ ernannt und will, dass der Terrier sie das Lesen der menschlichen Schrift lehrt, obwohl er beteuert, es selbst nicht zu können. Erst nach Wochen kann Sandino von seinem Freund Kater Finn – der bis dahin von seiner Liebe zu der Katze Olivia abgelenkt gewesen ist – befreit werden; die weiße Ratte kommt dabei ums Leben. Lobo hat inzwischen die Führungsposition bei den Tieren des Bundes eingenommen und auch die bevorstehende Durchführung der Aktion soll unter seiner Leitung stattfinden, da der Terrier noch sehr geschwächt ist. Als Finn von dem modifizierten Plan – die Mitarbeiter von Happy Pharma sollen mit dem „Hungervirus“ infiziert werden – erfährt und im Naturkundemuseum hinter Lobos Geheimnis kommt, klärt er Sandino auf. Es ist allerdings zu spät, um den Einsatz noch zu verhindern. Frieda erzählt Sandino, dass Lobo im Glauben gestorben sei, seine Mission erfüllt zu haben. Sie habe aber aus Mitleid mit den Menschen die Präparate heimlich vertauscht – in deren Kaffeemaschinen ist so nur das harmlose „Happy Stopp“ gelangt.

3. Kurzinformationen zum Autor

Martin Klein gehört neben Schriftstellern wie Cornelia Funke und Dietlof Reiche zu der neuen Generation von Kinder- und Jugendbuchautoren, die ohne erzieherischstrengen Zeigefinger ansprechende Bücher schreiben. Er wurde 1962 in Lübeck geboren und begann als begeisterter Sportler zunächst Sport zu studieren, entschied sich aber bald für eine Ausbildung zum Landschaftsgärtner. Noch während seines anschließenden Studiums der Landschaftsplanung veröffentlichte er 199 0 sein erstes Kinderbuch Lene und die Pappelplatztiger. Klein ist heute freier Autor und freier Dipl.-Ing. für Garten- und Landschaftsplanung, nimmt Lehraufträge an der TU und der TFH Berlin wahr und arbeitet mit dem Umweltkünstler Ben Wargin zusammen. Die Auseinandersetzung mit der Natur spiegelt sich auch in seinen Geschichten, vor allem in den Romanen Die Stadt der Tiere und Wie ein Baum (der ebenfalls in diesem Buch besprochen wird). Klein ist mehrfach ausgezeichnet worden, u. a. mit dem Alfred-Döblin-Stipendium, dem Umweltmedienpreis der Stadt Waiblingen und der Luxemburger Autorenresidenz „Struwelpippi“.

4. Allgemeine Einordnung

Die Stadt der Tiere ist eine Art Tiermärchen vor einer realistisch gezeichneten Kulisse: Die Schauplätze existieren zum Teil wirklich und auch die Darstellung des skrupellosen Geschäfts- und Forschungsgebarens der (Pharma-)Industrie entspricht leider nur zu häufig der Realität. Insofern wird durch die Tierperspektive ein verfremdeter und damit entlarvender Blick auf uns Menschen und unser Verhalten geworfen. Der Haupthandlungsstrang des Romans, der im Untertitel ja auch als „Tierkrimi“ bezeichnet wird, ist die detektivische Betätigung der Protagonisten. Durch sie erhält die Geschichte primär ihre Dynamik und ihre Spannung, die die Schüler zum Weiterlesen motivieren, gleichzeitig ist sie der Ausgangspunkt, um verschiedene Themen wie etwa Laborversuche anzusprechen. Parallel zur Krimihandlung verläuft, quasi als Ruhepunkt, die Liebesgeschichte zwischen den Katzen Finn und Olivia. Interessieren sich die Jungen wahrscheinlich eher für die spannenden Kampf- und Verfolgungsszenen im Zuge der Aufklärung des Rattensterbens, so dürften die Mädchen mehr von der Liebesgeschichte angesprochen werden. Als Fantasy-Element hat der Autor zudem die Geschichte des Beutelwolfs Lobo, der bis zum Vollzug seiner Rache an den Menschen nicht sterben kann, eingebaut und mit der Haupthandlung verbunden. So erweist sich Martin Klein hier wie auch schon in anderen Romanen als geschickter Verknüpfer verschiedener Erzählstränge und -formen.

5. Strukturelle und sprachliche Besonderheiten

Die Stadt der Tiere umfasst 300 Seiten, die in 18 Kapitel aufgeteilt sind. Die Handlung spielt im heutigen Berlin und lässt sich anhand der abgedruckten Karte (S. 6 f.) gut verfolgen. Die wichtigsten Schauplätze sind darauf durch leicht verständliche Symbole gekennzeichnet, so dass sich auch jüngere Leser problemlos orientieren können. Die Ereignisse erstrecken sich über einen Sommer und werden chronologisch aus auktorialer Perspektive erzählt, wobei manche Handlungsstränge parallel verlaufen (z. B. Sandinos Gefangenschaft und Finns Liebesgeschichte). Die Vorgänge bei Happy Pharma, die Frieda berichtet, werden in einer Rückblende dargestellt (S. 148–171). Martin Kleins Sprache ist für Kinder und Jugendliche gut verständlich. Viele Dialoge lockern auf und machen die Handlung anschaulicher. Der Hang des Autors zu satirischer Darstellung zeigt sich in der Namensgebung des im Endeffekt gescheiterten Forschers Dr. Progres (= Fortschritt) und der Diätpillen „Happy Start“ und „Happy Stopp“, die eine ganz und gar nicht glückliche Entwicklung einleiten und nicht mehr zuverlässig beenden können.

6. Didaktische Anregungen

Anregungen für den Deutschunterricht liefert die Lektüre von Die Stadt der Tiere zuhauf. Man sollte allerdings bedenken, dass viele Schüler bisher noch nie ein so umfangreiches Werk gelesen haben dürften. Um gerade auch leseschwächere Kinder nicht zu frustrieren oder gar abzuschrecken, sollten neben der häuslichen Lektüre auch gemeinsames Lesen im Unterricht und Vorlesestunden des Lehrers eingeplant werden. Als weitere Möglichkeit, die schulische Lektüre für Jugendliche attraktiver zu machen, schlägt Miriam Nermerich die Individualisierung des Lesens vor (vgl. Das Leseprotokoll und das Lesetagebuch im Deutschunterricht, http://www.lesepaedagogik.de/pdf/leseprotokoll.pdf [Stand: 05/2007]): Je mehr Verantwortung die Schüler selbst übernähmen, desto erfolgreicher werde erfahrungsgemäß der Lernprozess. Leseprotokoll und Lesetagebuch böten viel Raum für Gestaltungsfreiheit und ermöglichten so selbstbestimmtes Lernen und damit eine intensivere Beschäftigung mit der Lektüre. Insofern könnte man die Schüler nach Beendigung eines (oder mehrerer) Kapitel in Zweiergruppen ein Leseprotokoll erstellen lassen. Im Leseprotokoll geht es neben der Zusammenfassung vor allem um die kritische Auseinandersetzung mit dem Text. Es sollte daher folgende Gesichtspunkte enthalten: 1. Die Schüler sollten dem Kapitel eine kurze Überschrift geben, 2. den oder die Haupthandlungsorte nennen und 3. den Inhalt kurz wiedergeben und kommentieren (vgl. ebd.). Gerade um bei recht jungen Schülern Lesemotivation zu wecken, eignet sich besonders auch das Lesetagebuch:

Das Lesetagebuch soll die Schülerinnen und Schüler (…) dazu animieren, ihre individuell unterschiedlichen Erfahrungen beim Lesen schriftlich festzuhalten. Sie protokollieren, was ihnen beim Lesen auffällt, zu welchen Gedanken sie angeregt wurden, was ihnen gut oder nicht gut gefallen hat. Auf diese Weise soll die Reflektionsfähigkeit der Kinder beim Lesen und gleichzeitig ihr Vermögen gefördert werden, Dinge argumentativ beurteilen zu können. (http://www.mediaculture-online.de/Grundschule.572+M5b047494397.0.html [Stand: 05/2007])

Natürlich lassen sich diese offeneren Unterrichtsformen auch mit den klassischen Methoden der Textanalyse kombinieren. Als Einstieg nach der vorbereitenden Lektüre und zur Gesprächsmotivation könnte die Titelseite des Romans an die Wand projiziert werden. Die Schüler beschreiben bzw. erzählen, welche Romanhelden sie erkennen und was in der abgebildeten Situation geschieht. (Vielleicht fällt einigen Schülern auf, dass das Titelbild insofern falsch ist, als der Kater Finn in der dargestellten Szene nicht anwesend ist.) Im Klassengespräch kann so die Handlung leicht aufgerollt und rekapituliert werden. Hier können die Schüler auch ihre Meinung zum Roman äußern, evtl. unter Rückgriff auf ihre Leseprotokolle/- tagebücher. Nach der Erarbeitung des Romaninhalts und der Benennung der Protagonisten werden diese in Gruppenarbeit beschrieben oder in leistungsstärkeren Klassen charakterisiert. Um keinen Streit über die Gruppenzugehörigkeit aufkommen zu lassen, kann der Lehrer die Schüler vorbereitete Karten ziehen lassen. Anschließend stellt jede Gruppe ihren Romanhelden vor, die Ergebnisse werden an der Tafel gesammelt. Die Schüler erkennen, dass alle Tiere (vielleicht mit Ausnahme Sandinos) Schwächen haben und eigentlich alles andere als strahlende Helden sind: Die Dogge Rocky ist zwar stark, aber einfältig, der Schäferhund Honecker ist senil und schwerhörig, der Fuchs Hannes hinkt, der Igel Ignaz ist ängstlich usw. Trotzdem haben sie einen erfolgreichen Tierbund gegründet. Hier ergeben sich mehrere Fragen, die im Unterricht behandelt werden können: Warum haben sie Erfolg? Welches sind die Ziele dieses Bundes? Wie beurteilen die Schüler diesen Bund? … Man kann den Schwerpunkt natürlich auch weniger auf die Protagonisten und vielmehr auf den Handlungsverlauf legen und dabei (je nach Präferenz der Klasse) die Kriminalstrukturen und/oder die Liebesgeschichte herausarbeiten und beurteilen. Bei der Besprechung der Krimihandlung müsste auch auf den weißen „Rattenherrscher“ und seinen „Rassenplan“ (vgl. S. 226 f.) eingegangen werden. Hier böte sich u. U. ein Vergleich mit den Nationalsozialisten an. Im weiteren Unterrichtsverlauf können je nach Interesse verschiedene Themen in den Blick genommen und vertieft werden. So werden sich viele Jugendliche, die oft selbst Haustiere besitzen, für eine Beschäftigung mit dem Verhältnis zwischen Menschen und Tieren begeistern lassen. Was halten die Tiere eigentlich von uns? An mehreren Stellen des Romans äußern sich die Protagonisten hierzu (u. a. S. 188 f., 224 f.). Sie sind sehr kritisch und das Ergebnis fällt oft unerfreulich aus – Frieda und Olivia verlassen sogar ihre Herrchen, obwohl diese sie lieben! Warum? Indem die Schüler die Sicht der Tiere herausarbeiten, können sie ihre eigene Position aus der Fremdperspektive heraus hinterfragen. Die Frage, warum Frieda ihr Haustierdasein aufgibt und zunächst sogar Lobos Rachefeldzug gegen die Menschen unterstützt, kann die Schüler auch dazu führen, sich kritisch mit Laborversuchen an Tieren auseinanderzusetzen. Dazu wägen sie die Auffassungen der Tiere und der Menschen (Dr. Progres, Herr Müller) gegeneinander ab. Sie sollten sich dabei aber klarmachen, dass nicht alle Menschen wie Dr. Progres oder Herr Müller denken, sondern die Einstellung zu Tierversuchen uneinheitlich ist. So gibt es neben Befürwortern und Gegnern auch Menschen, die Tierversuche für Medikamentenforschung befürworten, sie für die Entwicklung neuer Kosmetika aber ablehnen. Auch die Einstellung der Menschen zu Versuchstieren ist unterschiedlich. Wie im Roman am Beispiel des Lastwagenfahrers angedeutet wird, lehnen manche Tierversuche an Hunden und Katzen ab, akzeptieren sie aber an Ratten. Hier böte sich die Herausarbeitung der Einstellung der Ratten zu den Tierversuchen an. Ihre Sicht könnte dabei als Anklageschrift eines aus dem Forschungslabor entkommenen Versuchstiers formuliert werden. Neben entsprechenden Textstellen können die Schüler auch hier wieder ihr Leseprotokoll sowie ihr Lesetagebuch heranziehen und eigene Ansichten einfließen lassen. Dabei sollten sie auch über ihre eigene Einstellung zu Ratten reflektieren; Denkanstöße könnten hier Bilder liefern, die Ratten einerseits als Haus- und Schmusetiere und andererseits als abstoßend und furchterregend darstellen. Schließlich lässt sich anhand des Romans auch das Thema Freundschaft behandeln: Der Kater Finn ist zwar Sandinos bester Freund, steht aber doch in gewisser Distanz zu dessen Tierbündnis. Auch betont er seine eigenen Interessen gegenüber den Pflichten der Freundschaft. Hier böte sich ein Rollenspiel für ein Streitgespräch zwischen dem Terrier und dem Kater an: Was zählt mehr – Freundschaft oder die eigenen Interessen?


empfohlen von Volker Krischel

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