Fohlen in Not von Nicolas Roth. Jugendbuchempfehlungen

Nicolas Roth:

Fohlen in Not

1. Bibliografische Angaben und Lesestufe

  • Nicolas Roth: Fohlen in Not. München: Omnibus, 2004, 128 S. (Ein Fall für die Greenteams, Bd. 4)
  • Lesestufe: 6.–8. Klasse

2. Inhaltsangabe

In der letzten Nacht ihrer Reiterferien will sich Vanessa heimlich von dem Fohlen Benny, das sie ins Herz geschlossen hat, verabschieden. Dabei wird sie unfreiwillig Zeugin, wie sämtliche Fohlen des Gutshofes in einen Transporter verladen werden, und gerät unbemerkt ebenfalls in den Anhänger. Als ihr Vater sie am nächsten Morgen abholen will, ist sie natürlich unauffindbar. Ihre Freundin Mona erzählt von dem nächtlichen Ausflug und der Gutsverwalter von dem Abtransport der Tiere zu einem Schlachthof in Südfrankreich; daraufhin wird die Polizei verständigt, die den Transporter aufspürt und das Mädchen befreit. Da rechtlich nichts gegen den Transport vorliegt, können die Polizisten die Weiterfahrt nicht verhindern, obwohl Vanessa von dem schlechten Zustand der Tiere berichtet. Monas Bruder Robin, Greenpeace-Mitglied und Kameramann, wird jedoch aktiv. Er alarmiert befreundete Redakteure, die Wagen und Ausrüstung organisieren, um dem Transporter zu folgen und eine Reportage über die Tierquälereien zu drehen. Vanessa und Mona können durchsetzen, dass sie mitfahren dürfen. Während es den Journalisten dabei primär um die Berichterstattung geht, mit der sie die Zuschauer aufrütteln wollen, möchten die Freundinnen vor allem die Fohlen und besonders Benny vor dem Schlachthof bewahren. Als die Gruppe den Pferdeanhänger auf einem Rastplatz heimlich untersucht, entdeckt sie schwerverletzte und totgetretene Fohlen und verständigt die Polizei. Enttäuscht müssen die Mädchen erleben, dass die französischen Polizisten – inzwischen haben sie die Grenze passiert – den Tiertransporter ohne nähere Untersuchung unbehelligt weiterfahren lassen. Auch eine Konfrontation der LKW-Fahrer mit dem Vorwurf der Tierquälerei führt lediglich dazu, dass der Minivan des Fernsehteams demoliert und Robin angegriffen wird. Am Zielort angekommen gelingt es Robin, über seine Kontakte zur französischen Tierschutzorganisation Animaux de Ferme eine Demonstration gegen nicht artgerechte Tiertransporte und die Zustände im Schlachthof zu organisieren. Im Tumult befreit Vanessa die überlebenden und stark verwahrlosten Fohlen aus dem Transporter. Sie werden von der Polizei wieder eingefangen – bis auf Benny, der entkommen kann und auf einem nahegelegenen „Gnadenhof“ untergebracht wird. Da inzwischen der Plan für eine mehrteilige Serie über Tiertransporte und die Verantwortung jedes Einzelnen gereift ist, fällt Vanessa und Mona der Abschied nicht ganz so schwer: Sie dürfen in den nächsten Ferien Robin zu den Dreharbeiten in Bennys neuem Zuhause begleiten.

3. Kurzinformationen zum Autor

Biografisches über Nicolas Roth bleibt vage: geboren 1968, Besuch des Gymnasiums, verschiedenste Berufe, darunter Reisejournalist, und schließlich Autor einer erfolgreichen Jugendbuchreihe nach einer Idee seines Sohn und dessen Freunden. Dies ist nur natürlich, handelt es sich bei dem Namen doch um ein Pseudonym, hinter dem die Autoren Gerit Kopietz und Jörg Sommer stehen. Sie publizieren zusammen unter eigenen Namen und mehreren Pseudonymen Kinder- und Jugendbücher sowie pädagogische Sachbücher. 2006 erhielten sie den Literaturpreis der Deutschen Umweltstiftung für die gemeinsam mit der Umweltschutzorganisation Greenpeace entwickelte Reihe Ein Fall für die Greenteams, in der sie in Form spannender Kinderkrimis von den Aktivitäten und Abenteuern jugendlicher Umweltschützer erzählen (vgl. auch die Besprechungen zweier weiterer Titel in diesem Buch). Diese Geschichten sind aber „nicht nur eine Hommage an die vielen Greenteams im Lande, sondern auch ein Aufruf an Jugendliche, sich für das zu interessieren, was um sie herum vorgeht und sich für die Natur und nachhaltige bzw. zukunftsorientierte Entwicklungen zu engagieren.“ (aus der Pressemitteilung zur Verleihung des Buchpreises „Lesen für die Umwelt“, vgl. http:///www.deutscheumweltstiftung.de/preise/ pm206.htm [Stand: 05/2007])

4. Allgemeine Einordnung

Wie auch die anderen Bände der Greenteam-Reihe handelt Fohlen in Not von Jugendlichen, die sich aktiv für den Erhalt ihrer Umwelt einsetzen und beim Aufspüren und Beseitigen von Missständen in ihrem Lebensbereich mithelfen. Dabei ist die Auswahl an Umweltsünden leider sehr groß, seien es Pelzfarmen, Walfang, Luftverschmutzung, Tierquälerei oder Energieverschwendung. „Greenteam“ ist ein Kinder- und Jugendprojekt von Greenpeace: Junge Menschen beteiligen sich an Aktionen im Bereich Umwelt und Naturschutz oder initiieren sie selbst und werden dabei von Greenpeace mit Material, Informationen und Aktionsideen unterstützt. Auch im Anhang jedes Greenteam-Romans finden sich jugendgerechte Hintergrundinformationen und Tipps für eine aktive Bekämpfung des jeweils behandelten Problems. Diese sind oft auch im Unterricht, etwa bei der Erarbeitung und Durchführung von Projekten, gut umsetzbar; im Rahmen eines Klassenausflugs könnte man beispielsweise wie vorgeschlagen einen nahegelegenen Reiterhof aufsuchen und ein Interview zu Pferdehaltung, Zucht und „Verwertung“ von Fohlen führen. Vanessa, Mona und ihre Mitstreiter engagieren sich für artgerechte Tiertransporte. Die Geschichte hat zwar insofern ein Happy End, als das liebgewonnene Fohlen Benny vor dem Schlachthof bewahrt wird, doch die traurige Realität der nicht artgerechten Tiertransporte bleibt bestehen und wird den Schülern recht deutlich vor Augen geführt. Diese werden so zum Nachdenken über ihr eigenes Essverhalten und über die Herkunft des Schnitzels auf ihrem Teller angeregt. Dabei geht es nicht um eine Erziehung zu Vegetariern, sondern um das Bewusstsein für die Notwendigkeit einer artgerechten und respektvollen Behandlung von Tieren. Insofern ergeben sich Anknüpfungspunkte zum Religions- oder Ethikunterricht. Vor allem bei der Erarbeitung der ethischen Aspekte beim Umgang mit Tieren und dem damit verbundenen Thema „Verantwortung für die Schöpfung“ liefert Fohlen in Not viel Anschauungs- und Diskussionsmaterial.

5. Strukturelle und sprachliche Besonderheiten

Fohlen in Not umfasst etwa 120 Seiten und ist in 13 unterschiedlich lange Kapitel aufgeteilt. Die Handlung spielt in der Gegenwart und im Lebensbereich der jugendlichen Leser, wird aus auktorialer Perspektive chronologisch erzählt und erstreckt sich über nur wenige Tage. Das Buch ist zudem in einer einfachen, gut verständlichen Sprache geschrieben – die Hauptsätze sind oft kurz oder auch verkürzt, die Satzgefüge einfach – und enthält viele Dialoge, so dass die Schüler es zu Hause gut bewältigen können. Sachinformationen im Text wie z. B. Auszüge von Websites mit Fakten über Tiertransporte sind optisch hervorgehoben. Die „Pferdegeschichte“ spricht zunächst eher Mädchen an, bezeichnenderweise sind es zwei jugendliche Protagonistinnen. Die spannende Verfolgung des Tiertransporters dürfte aber auch für Jungen, die sich wohl eher mit dem unangepassten Robin identifizieren, interessant sein. Zudem gewinnt der Roman gegen Ende nochmals an Tempo und Spannung. Im Anhang stellt Greenpeace Hintergrundinformationen (über artgerechte Tierhaltung, Haflingerzucht für Stutenmilch etc.) zur Verfügung. Zudem findet man Anregungen zu möglichen Aktionen, rechtliche Hinweise sowie wichtige Adressen und Links.

6. Didaktische Anregungen

Der Transport und die „Verwertung“ von Tieren sind sehr kontroverse Themen und so treffen im Roman dann auch verschiedene Positionen aufeinander, die im Unterricht aufgearbeitet werden sollten. Insofern lässt sich die Lektürebesprechung sehr schön mit dem Lernbereich Diskussion, Argumentation und Erörterung verbinden. Das Buch bietet viele Ausgangspunkte für (schriftliche) Erörterungsthemen, etwa die unterschiedliche Einstellung zu Fohlenfleisch als Nahrungsmittel in der französischen und deutschen Öffentlichkeit (S. 42, 91–93) oder die Ansichten der Redakteurin Inge und der beiden Mädchen zu Sinn und Zweck einer Fernsehreportage über Tiertransporte (S. 67 f., 75). Durch die Auseinandersetzung mit diesen Streitpunkten werden der Aufbau einer Argumentation (Behauptung, Begründung, Veranschaulichung) und die dialektische Erörterung eingeübt. Methodisch bieten sich hier verschiedene Möglichkeiten an: Die Schüler könnten sich in einer Streitlinie aufstellen, d. h. die Vertreter der unterschiedlichen Auffassungen stehen sich einzeln gegenüber. Nacheinander hat nun jede Seite zirka zwei Minuten Zeit, ihrem direkten Gegenüber ihre Argumente vorzutragen und zu erklären. Es darf aber noch nicht diskutiert werden. Reden dürfen nur die Schüler, die ihre Argumente gerade vortragen. Eine Variante wäre die Kugellager-Methode oder Zwiebel. Hierbei stehen oder sitzen sich in einem Außen- und einem Innenkreis jeweils zwei Schüler mit unterschiedlichen Auffassungen gegenüber und tauschen sich über das Thema aus. Nach Ablauf einer vorher festgelegten Zeit rotieren die Kreise gegenläufig, so dass sich nun andere Gesprächspartner gegenübersitzen bzw. -stehen. Auch könnte man die eine Hälfte der Schüler einen Brief Vanessas an ihre französische Brieffreundin Chantal schreiben lassen, in dem sie ihre Sicht zu Tiertransporten und Fohlenfleischverzehr darlegt. Die andere Klassenhälfte erstellt dann Chantals Antwortschreiben, in dem diese die in der französischen Öffentlichkeit überwiegende Einstellung vertritt. Beide Auffassungen werden stichwortartig an der Tafel festgehalten und dienen als Diskussionsgrundlage. Die Vertreter der deutschen Behörden (Polizei S. 42 f. und Zoll S. 59 f.) missbilligen die im Roman beschriebene Art des Tiertransportes, können aber rein rechtlich nichts dagegen unternehmen. In diesem Zusammenhang könnten die Schüler aus dem Roman und dem Internet die EU-Vorschriften für Tiertransporte herausarbeiten und diskutieren, ob sie diese für angemessen halten. Am Ende der Unterrichtseinheit böte es sich an, in einer Art „Talkshow“ die verschiedenen Auffassungen nochmals zusammenfassend einander gegenüberzustellen und evtl. abschließend zu werten. Im Folgenden wird der Aufbau einer entsprechenden Unterrichtsstunde skizziert.

Konkretes Unterrichtsbeispiel

  1. Vorbereitung
    Jeder der Schüler wird einem Talkshowteilnehmer zugewiesen. Es treten auf: Vanessa und Mona, das Fernsehteam, Natalie Schuhmann von Animaux de Ferme, der Gutsverwalter, der französische Pferdemetzger sowie Vertreter der Transportfirma und des Schlachthofs. Der Lehrer sollte Karten vorbereitet haben, die die Schüler ziehen müssen, da sich u. U. für manche Figuren kaum Schüler interessieren. Je nach Klasse übernimmt entweder ein Schüler oder die Lehrperson die Moderation.
  2. Erarbeitungsphase
    Die Schüler, die die gleiche Figur gezogen haben, setzen sich zu Gruppen zusammen und erarbeiten ihre jeweilige Position. Hierzu können sie sowohl den Roman als auch die während der Unterrichtseinheit erstellten Unterlagen heranziehen. Argumente, die bisher im Unterricht nicht angesprochen worden sind und nicht direkt im Text stehen, aber der Einstellung der jeweiligen Figur entsprechen, können ebenfalls einfließen. Schließlich bestimmt jede Gruppe ihren Sprecher. Bevor die „Talkshow“ beginnt, wiederholt bzw. bespricht man die Diskussionsregeln und legt eine Zeitspanne fest.
  3. „Talkshow“
    In der Runde stellen nun alle Teilnehmer ihre Ansichten zum Thema Tiertransport und -verwertung vor, was in eine Diskussion mündet. Die nicht debattierenden Schüler notieren dabei die einzelnen Argumente der Teilnehmer. Der Moderator bringt das Gespräch durch provozierende Bemerkungen in Gang und hält es in Fluss, wobei er durch eine geschickte Diskussionsführung Ausschweifungen und Beschimpfungen möglichst verhindert.
  4. Reflexions- und Festigungsphase
    Am Ende der „Talkshow“ erhalten die Schüler, die aufgetreten sind, die Möglichkeit, kurz über ihre Rolle zu reflektieren. Persönlichen Meinungen der Schüler sollte an dieser Stelle Raum gegeben werden. Anschließend werden die Argumente der Teilnehmer zusammengetragen und systematisch geordnet. Jeder Schüler kann nun für sich selbst seine Position zur diskutierten Thematik bestimmen.

empfohlen von Volker Krischel