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Opa total verliebt. Jugendbuchempfehlung

Kirsten Boie:

Opa total verliebt

1. Bibliografische Angaben und Lesestufe

  • Kirsten Boie: Opa total verliebt. Frankfurt a. M.: Fischer Schatzinsel, 2006, 176 S. (bis 2005 unter dem Titel
    Opa steht auf rosa Shorts bei Oetinger erschienen)
  • Lesestufe: 6.–8. Klasse

2. Inhaltsangabe

Nach mehreren deprimierenden Besuchen im Altersheim haben sich die Eltern der 13-jährigen Christine (Tine) Kröger entschlossen, Tines Großvater ein neues Zuhause in ihrer Familie zu geben, und so zieht dieser nach den Sommerferien zu ihnen. Das Zusammenleben gestaltet sich jedoch nicht so einfach wie erhofft. Opa Otto fühlt sich nur als lästiges Anhängsel und zieht sich immer mehr auf sein Zimmer zurück. Tine will daher, dass er die Großmutter ihrer besten Freundin Eleni kennenlernt, die mit ihrer Kittelschürze und ihrer altmodischen Dauerwellenfrisur Tines verstorbener Oma ähnelt. Elenis Oma erinnert deshalb vielleicht auch Opa Otto an seine Frau und sein früheres Leben, so dass er sich in sie verlieben könnte. Diese dürfte ihrerseits, da es mehr alte Frauen als alte Männer gibt, glücklich sein, einen neuen Mann kennenzulernen. In der Begeisterung für ihren Plan fällt Tine gar nicht auf, dass ihr Opa sich neuerdings gar nicht mehr den ganzen Tag auf seinem Zimmer aufhält, sondern nachmittags immer ausgeht. So arrangiert sie heimlich ein Treffen zwischen den beiden alten Leuten. Aber Tines Verkupplungsplan geht gründlich schief: Sie erreicht lediglich, dass Elenis Oma verärgert ist und Eleni zu Tine auf Distanz geht.
Zudem bekommt Tine in der Schule zunehmend Schwierigkeiten, weil sie es in den Sommerferien nicht geschafft hat, schwimmen zu lernen. Die nächste Klassenfahrt geht nach Sylt und der Lehrer besteht darauf, dass alle Schüler mindestens das  Freischwimmerzeugnis haben. In ihrer Not behauptet Tine, das Fahrtenschwimmerabzeichen in den Ferien gemacht und ihr Zeugnis lediglich zu Hause vergessen zu haben.
Als Tine einen Klassenausflug zu einem See schwänzt, kommt sie zufällig hinter das Geheimnis ihres Opas: Er hat auf seinen Spaziergängen eine Frau kennengelernt. Opas Freundin Leonore entspricht allerdings so gar nicht Tines Klischeevorstellungen von einer Oma. Sie ist zwar auch mindestens siebzig Jahre alt, hat aber streichholzkurze, hennagefärbte Haare, eine ziemlich raue, verrauchte Stimme und trägt bei ihrer ersten Begegnung mit Tine einen mintfarbenen Overall. Außerdem geht sie auf Demonstrationen und studiert Psychologie. Obwohl Leonore Tine ihre Lebensauffassung erklärt und ihr hilft, als ihr die Mitschüler auf einer Geburtstagsfeier wegen ihrer „Schwimmlüge“ übel mitspielen, fällt es Tine schwer, sich an die „neue Oma“ zu gewöhnen. Aber sie lernt zu akzeptieren, dass auch alte Menschen ein Recht haben, ihr Leben nach ihren Vorstellungen zu gestalten.

3. Kurzinformationen zur Autorin

Kirsten Boie, Jahrgang 1950, studierte Deutsch und Englisch und arbeitete als Lehrerin an einem Gymnasium und einer Gesamtschule, bevor sie für Kinder und Jugendliche zu schreiben begann. Sie lebt mit ihrer Familie bei Hamburg.
Die promovierte Literaturwissenschaftlerin ist eine der renommiertesten deutschen Autorinnen des modernen Kinder- und Jugendromans. Seit 1985 sind über 60 Bücher von ihr erschienen, die auch in viele Sprachen übersetzt und mit mehreren Preisen, u. a. mit dem Österreichischen Staatspreis für Kinder- und Jugendliteratur, ausgezeichnet wurden. Kirsten Boie erzählt vor allem Alltags- und Familiengeschichten, in denen sie die Probleme von Kindern und Jugendlichen thematisiert. „Dabei bleibt die Autorin thematisch und sprachlich auf der Ebene ihrer jugendlichen Zielgruppe, ohne sich anzubiedern oder zu überzeichnen.“ (aus dem Autorenporträt des Deutschen Taschenbuch Verlags, www.dtv.de) Häufig stehen dabei wie in Opa total verliebt kesse, selbstbewusste Mädchen im Mittelpunkt der Geschichten.

4. Allgemeine Einordnung

Opa total verliebt behandelt ein Thema, mit dem unsere Schüler wohl zum Teil auch in ihren eigenen Familien konfrontiert werden: In unserer Gesellschaft werden die Menschen immer älter. Damit ergibt sich zwangsläufig die Frage, was mit alten Menschen geschieht, wenn sie nicht mehr in der Lage sind, alleine zu leben. Die betroffenen Familien stehen dann oft vor der Entscheidung zwischen Altersheim und Selbstbetreuung. Kirsten Boie zeigt in ihrem Buch, welche Probleme in beiden Fällen auf die Betroffenen zukommen (können).
Aus der Sicht und am Beispiel der 13-jährigen Enkeltochter werden aber auch Klischeevorstellungen und Vorurteile problematisiert: Wie selbstverständlich verlangen wir, dass andere unsere Meinung akzeptieren, wie bereit sind wir, davon abweichende Vorstellungen anderer hinzunehmen? Toleranz und Gleichberechtigung bieten sich hier als Unterrichtsthemen an. Weiterhin wird die Schwierigkeit angesprochen, zu seinen eigenen Schwächen und Vorstellungen zu stehen, besonders wenn man sich damit gegen die gängige Meinung (der Gruppe) stellen muss.
Im Vorwort verweist Kirsten Boie auf einige interessante Details, die heutigen Jugendlichen vielleicht befremdlich erscheinen und sich daraus ergeben, dass der Roman Ende der 1980er Jahre geschrieben worden ist und auch spielt. Hier lassen sich vor allem auf sprachlicher Ebene noch viele weitere Beispiele finden (zum Beispiel „für Kurzentschlossene“ statt „last minute“ in Urlaub zu fahren).

5. Strukturelle und sprachliche Besonderheiten

Opa total verliebt umfasst 176 Seiten und ist in 20 Kapitel aufgeteilt. Die im Roman erzählten Ereignisse erstrecken sich über einen Zeitraum von ca. drei Monaten (Mitte Juli bis September). Bis auf zwei kurze Rückblenden (im ersten und zweiten Kapitel) wird die Handlung durchgehend erzählt. Sie kreist im Wesentlichen um die zwei Probleme, die Tine in den geschilderten drei Monaten am meisten beschäftigen: das „Problem Opa“ und dass sie (immer noch nicht) schwimmen kann. Damit verbunden sind noch die Themenbereiche Verhalten in der (Klassen-/Familien-)Gemeinschaft, das erwachende Interesse am anderen Geschlecht, Akzeptanz von Verhalten außerhalb unserer Klischeevorstellungen etc. Die Handlung endet offen, der Leser muss die Geschichte  selbst zu Ende denken.
Der ganze Roman wird aus der Sicht der 13-jährigen Ich-Erzählerin Tine monoperspektivisch wiedergegeben. Der Leser ist so zwar an den Gedanken und Gefühlen Tines unmittelbar beteiligt, hat jedoch keine Innenansicht in die anderen Personen und erlebt diese lediglich in Tines Darstellung. Da sich Tines Sichtweise aber manchmal, etwa bei der Interpretation ihres Opas, im Nachhinein als falsch erweist, muss der Leser diese kritisch hinterfragen. Kirsten Boie „schreibt mit trockenem Humor und unverwechselbarem Sprachwitz, erfrischend unpädagogisch und ganz nah am Kind“ bzw. Jugendlichen (aus dem Autorenporträt des Beltz Verlags, www.beltz.de). Die leicht verständliche Sprache mit ihrer gut lesbaren Syntax und ihren einfachen Satzgefügen entspricht in ihrer z. T. saloppen Ausdrucksweise dem Sprachgebrauch besonders der jugendlichen Leser und kann diese so zum Weiterlesen animieren.

6. Didaktische Anregungen

Für eine Behandlung im Deutschunterricht bietet Opa total verliebt eine Vielzahl von Möglichkeiten. Da sicherlich viele Schüler in Tines Situation sind und Großeltern im Altersheim oder zu Hause haben, dürfte schnell ein Einstieg in die Romanbesprechung zustande kommen, bei dem die Schüler auch ihre eigenen Erfahrungen einbringen können. Alternativ kann man vom Titel ausgehen. Sind Opa und verliebt zwei Wörter, die man üblicherweise miteinander assoziiert? Hier könnte man auch auf den Titel verweisen, unter dem das Buch bis 2005 erschienen ist: Opa steht auf rosa Shorts (und eventuell mit dem alten Titelbild arbeiten). Warum steht Opa denn auf rosa Shorts? Stellt man sich das als die übliche Kleidung eines älteren Mannes vor? Davon ausgehend lässt sich auch auf die Sprache des Romans eingehen: Wer redet so?
Die Schüler können sich auch in Tines Lage versetzen und überlegen, wie sie auf eine neue Oma wie Leonore reagieren würden. In diesem Zusammenhang werden eigene (Klischee-)Vorstellungen diskutiert: Wie sieht eine typische Oma aus? Wie sieht deine Oma aus? Aus den verschiedenen Beiträgen dürfte den Schülern klar werden, dass es die „typische Oma“ (gerade in unserer Zeit) gar nicht gibt, sondern dass auch ältere Menschen (wie Jugendliche) ihre eigenen Vorstellungen vom Leben (und Outfit) haben und auch das Recht, diese auszuleben. So werden Vorurteile entlarvt und die Schüler gezwungen, ihre eigenen (Klischee-)Vorstellungen kritisch zu hinterfragen.
Will man sich mehr am Romantext orientieren, so kann man Tines Vorstellung von einer Großmutter und ihre Reaktion auf eine ganz und gar nicht klischeehafte Oma herausarbeiten.
Sicherlich ist Leonore eine (literarisch) überzeichnete moderne Großmutter, die nicht unkritisch betrachtet werden darf. Ausgehend von Leonores Schilderung der Reaktion ihrer eigenen Kinder auf ihr Verhalten und ihr Aussehen könnten die Schüler einen Brief von Leonores Kindern an ihre Mutter verfassen. Dazu sollen sie sowohl die Informationen aus dem Roman verwenden als auch ihre eigene Auffassung einfließen lassen. Opa total verliebt endet offen; die Fragen, wie Opa Otto seinem Sohn und seiner Schwiegertochter (Tines Eltern) von Leonore erzählen wird, wie diese reagieren werden und wie die Geschichte von Otto und Leonore weitergehen wird, bleiben unbeantwortet. Auch hier ergeben sich verschiedene Möglichkeiten der produktions- und handlungsorientierten textinszenatorischen Bearbeitung. Neben der Problematik der Vorurteile (Kinder gegenüber Eltern, Enkel gegenüber Großeltern und umgekehrt) geht es auch um dasVerhalten in der Gruppe. Am Beispiel von Tine und ihren ungenügenden Schwimmkenntnissen lässt sich dieses leicht problematisieren. Hierbei könnten die Schüler sowohl Tines Verhalten als auch das ihrer Klassenkameraden (besonders auf der Party, auf der Tine in einen Pool geworfen wird, um zu beweisen, dass sie nicht schwimmen kann) herausarbeiten und kritisch hinterfragen.
Im Rahmen der gemeinsamen Lektüre wäre vor allem in jüngeren Klassen zu überlegen, die Schüler ein Lesetagebuch führen zu lassen. Neben den im Unterricht erarbeiteten Inhalten ist in einem solchen separaten Heft auch genügend Platz zur persönlichen Auseinandersetzung mit dem Verhalten Tines, Opa Ottos, Leonores, der Eltern, der Klassenkameraden, aber auch des Lehrers.

Mögliches Unterrichtsbeispiel
Leonore ist sicherlich auf den ersten Blick nicht die Frau, die man sich für seinen 75-jährigen Opa vorstellen kann. Aber sind die Kritikpunkte, die Tine und Leonores Kinder aufführen, stichhaltig oder hat Opa Otto recht, der sich Leonore als Freundin wählt? Die Schüler sollen lernen, verschiedene Aspekte gegeneinander abzuwägen und zu einem begründeten eigenen Urteil zu kommen. Dabei sollen sie erkennen, dass gängige und auch eigene Vorurteile und Vorstellungen nicht unbedingt richtig und fair sein müssen. Eine entsprechende Unterrichtsstunde könnte folgendermaßen aufgebaut sein:

  1. Einstieg
    Der Lehrer liest die Beschreibung von Elenis Oma und dann die von Leonore vor. Alternativ kann man das Bild einer
    „typischen“ Oma und eines, wie Leonore vielleicht aussehen könnte, an die Wand projizieren oder evtl. skizzieren.
    Die Schüler dürften spontan auf die beiden „Omabilder“ reagieren und ihre Meinungen äußern.

  2. Erarbeitungsphase I
    Nachdem der Lehrer die Äußerungen der Schüler zu Leonore stichwortartig an der Tafel gesammelt hat (tafelseitig
    geordnet nach positiv und negativ), geht es nun um die Reaktionen der Romanfiguren auf Leonore. Die Schüler werden
    in drei Gruppen eingeteilt: Eine Gruppe erarbeitet die Reaktion von Leonoras Familie, die zweite sucht Tines Meinung
    über die „neue Oma“ heraus und die dritte erarbeitet die Reaktion der Fahrgäste im Bus auf Leonores Verhalten.

  3. Präsentation und Festigung
    Jede Gruppe wählt einen Sprecher, der die jeweiligen Ergebnisse kurz vorträgt und an der Tafel unter den
    Negativmeinungen der Schüler zu Leonore stichwortartig festhält.

  4. Erarbeitungsphase II
    Opa Otto kennt diese negativen Reaktionen auf Leonore. Er weiß, dass Leonore nicht den üblichen Vorstellungen von
    der Partnerin eines 75-Jährigen entspricht. Deshalb fürchtet er sich vor der Reaktion seiner Familie und hält seine
    Beziehung zunächst geheim, obwohl er weiß, dass er Leonore seiner Familie vorstellen muss. Um sich Mut zu machen
    und sich Rat zu holen, schreibt er einen Brief an einen alten Freund. Ihm schildert er seine Gefühle und seine Situation.

    Die Aufgabe der Schüler (je nach Größe der Klasse in Partner- oder Gruppenarbeit) ist es nun, sich in Opa Ottos Situation
    zu versetzen (evtl. forciert durch provozierende Äußerungen des Lehrers) und einen fiktiven Brief an den Freund zu
    schreiben. Hierzu sollen sie auf den Roman zurückgreifen, aber Opa Ottos Argumente auch mit eigenen Ideen erweitern.

  5. Präsentation und Festigung
    Der Lehrer lässt bei Gruppenarbeit alle, bei Partnerarbeit einige ausgewählte Briefe vorlesen. Die hier vorgetragenen
    Gründe für eine Beziehung zu Leonore werden gesammelt und stichwortartig auf der zweiten Tafelhälfte festgehalten
    (unter den positiven Äußerungen der Schüler).

  6. Schlussdiskussion
    Die Schüler sehen an der Tafel jetzt Gründe für und gegen Leonore als Partnerin. In einer abschließenden Diskussion
    sollen sie die einzelnen Argumente gegeneinander abwägen und sich ihr eigenes begründetes Urteil bilden.

  7. Hausaufgabe
    Als Hausaufgabe sollen die Schüler einen fiktiven Antwortbrief des alten Freundes von Opa Otto schreiben, in dem er
    Otto begründet empfiehlt, entweder bei Leonore zu bleiben oder sich von ihr zu trennen.

Empfohlen von Volker Krischel

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