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Die Sonne im Gesicht von Deborah Ellis. Jugendbuchempfehlung

Deborah Ellis:

Die Sonne im Gesicht

1. Bibliografische Angaben und Lesestufe

  • Deborah Ellis: Die Sonne im Gesicht. Ein Mädchen in Afghanistan. München: Omnibus, 2003, 128 S. (aus dem kanadischen Englisch von Anna Melach, Originaltitel: The Breadwinner)
  • Lesestufe: 6. Klasse

2. Inhaltsangabe

Die 11-jährige Parvana lebt mit ihren Eltern und drei Geschwistern in einem einzigen Zimmer im zerbombten und von den Taliban regierten Kabul. Der Mutter und der älteren Schwester Nooria ist es als Frauen verboten, ohne Begleitung eines Mannes und völlige Verschleierung auf die Straße zu gehen; die Kinder besuchen keine Schule mehr. Parvana begleitet den Vater jedoch jeden Tag zum Markt, auf dem er als Vorleser und Schreiber arbeitet; er hat bei einem Bombenangriff einen Fuß verloren und diese Verletzung legitimiert die Hilfe seiner Tochter. Eines Tages wird der Vater verhaftet. Bei dem Versuch, ihn im Gefängnis zu suchen, werden Parvana und die Mutter brutal vertrieben. Die Familie, die nun alleine zurechtkommen muss, ist wie gelähmt: Die Mutter verfällt in Passivität, die jüngeren Geschwister sind noch zu klein, um zu helfen, und für Nooria ist es zu gefährlich, alleine die Wohnung zu verlassen. Als die Vorräte aufgebraucht sind, geht Parvana, die nicht sicher ist, ob sie schon als Frau gilt, einkaufen, wird aber von einem Soldaten vom Markt verjagt. Auf dem Nachhauseweg trifft sie Mrs Weera, die früher mit der Mutter in einer Frauenorganisation aktiv gewesen ist; diese versucht, der verstörten Mutter und ihren Kindern zu helfen. Sie hat die Idee, aus der noch sehr kindlich gebauten Parvana einen Jungen zu machen, damit diese für die Familie problemlos Einkäufe erledigen und Wasser holen kann. Mit kurzen Haaren und in der Kleidung des verstorbenen Bruders gewöhnt sich Parvana rasch an ihre neue Rolle. Da sie lesen und schreiben kann, versucht sie, selbst mit einem Schreibstand auf dem Markt Geld zu verdienen. Dabei trifft sie ihre ehemalige Mitschülerin Shauzia wieder, die ebenfalls als Junge verkleidet arbeitet. Die beiden Mädchen beginnen bald mit viel Widerwillen eine weitaus lukrativere Arbeit – Knochen ausgraben und an Händler verkaufen –, bis sie sich schließlich zwei kleine Bauchläden leisten können, mit denen sie nun kleine Waren auf dem Markt anbieten. Inzwischen ist auch Mrs Weera mit ihrem Enkelkind in die Wohnung eingezogen, arbeitet zusammen mit der Mutter, einer Journalistin, an einer Zeitschrift und organisiert Unterrichtsstunden für die kleine Schwester Maryam und einige andere Mädchen. Durch eine Heirat soll Nooria im Norden Afghanistans, wo die Taliban angeblich noch nicht regieren, die Chance auf Bildung und ein freieres Leben erhalten. Die Mutter und die Geschwister bringen Nooria in Begleitung eines befreundeten Ehepaares nach Mazar-e-Sharif, Parvana bleibt mit Mrs Weera in Kabul. Schließlich kehrt der Vater aus dem Gefängnis zurück, er ist gefoltert worden und schwerkrank. Da sie erfahren, dass die Taliban mittlerweile auch den Norden eingenommen haben, machen sich Parvana und der Vater auf, den Rest der Familie zu suchen.

3. Kurzinformationen zur Autorin

Die Jugendbücher der kanadischen Autorin und Psychotherapeutin Deborah Ellis basieren auf persönlichen Erfahrungen: Sie arbeitete mehrere Monate in afghanischen Flüchtlingslagern in Pakistan und hat in Toronto die Organisation „Frauen für Frauen in Afghanistan“ gegründet. Ihre weiteren Bücher sind Folgebände zu dem hier besprochenen: Im Herzen die Angst beschreibt  Parvanas Flucht vor den Angriffen der US-Armee, die das Taliban-Regime angreifen, und Am Meer wird es kühl sein handelt von Shauzias Aufenthalt in einem pakistanischen Flüchtlingslager. Eben solchen Lagern kommen die Tantiemen zugute.

4. Allgemeine Einordnung

Die Sonne im Gesicht sollte im Unterricht natürlich auch, aber nicht nur textimmanent bearbeitet werden. Man wird die Erzählung kaum lediglich als dramatische Geschichte um ein Mädchen, das sich in einen Jungen verwandelt, lesen, vielmehr ist sie der Ausgangspunkt, um sich mit den Rechten von Frauen, der Bedeutung von Schulbildung und der Geschichte Afghanistans zu beschäftigen. Afghanistan ist durch die aktuelle Entwicklung seit dem 11. September 2001 wieder in das Blickfeld der Welt gerückt; der Sturz des Taliban-Regimes muss natürlich nach dem Lesen des Buches ergänzt werden. Besonders interessant ist die Behandlung im Unterricht, falls in der Klasse selbst Schüler aus Afghanistan sind, deren Eltern dann auch eigene Erfahrungen zum Unterricht beitragen können. Die angesprochenen Themen können sehr gut fächerübergreifend mit dem Erdkunde- und Politikunterricht behandelt werden. Es ist auch möglich, die Lektüre als Ganzschrift im Fach Politik zu lesen. 5. Strukturelle und sprachliche Besonderheiten Die Erzählung Die Sonne im Gesicht ist eine Mischung aus einer spannenden Handlung und vielen Fakten zum Leben in Afghanistan unter den Taliban. Der Text ist deshalb auch ergänzt um eine Landkarte, ein Glossar mit wichtigen Begriffen (z. B. Kleidungsstücke und Lebensmittel, die genannt werden) und ein Nachwort, das die Handlung anschaulich in den historischen Kontext einordnet. Die Handlung ist gut nachvollziehbar, an einigen Stellen muss man für ein besseres Textverständnis mit den Schülern jedoch Hintergrundinformationen (über die im Buch gelieferten hinaus) erarbeiten (s. u.). Dies ist in der 6. Klasse aller Schulzweige bereits möglich; später fehlt den Schülern die Identifikation mit der 11-jährigen Protagonistin. Der Leseumfang ist mit 128 Seiten in 15 Kapiteln recht gering und auch sprachlich ist das Buch eher einfach. Satzbau und Ausdruck sind sachlich, klar und schlicht, was die Figuren allerdings zum Teil ein wenig plakativ wirken lässt. Erzählt wird personal aus Parvanas Sicht.

6. Didaktische Anregungen

Die Hintergründe
Um die Erzählung richtig zu verstehen, muss man die Schüler z. B. in Form von kurzen Lehrervorträgen beim gemeinsamen Lesen des ersten Kapitels mit Hintergrundinformationen zur Geschichte Afghanistans versorgen. Es muss geklärt werden, wer eigentlich die Taliban sind, warum sie in Afghanistan an die Macht kommen konnten und was sich seit dem Erscheinen des Buches 2000 geändert hat: Die Taliban sind von den Amerikanern gestürzt, jedoch nicht völlig außer Kraft gesetzt worden und sorgen für Unruhen in dem nun von einer gewählten Regierung (Präsident Hamid Karsai seit 2004, Parlament seit 2005) geführten Land. Alternativ kann man das Unterrichtsvorhaben mit einer vom Buch unabhängigen Einführungsstunde beginnen: Man zeigt den Kindern ein Bild des Anschlags vom 11. September 2001 auf das World Trade Center und lässt sie erzählen, ob sie sich an das Ereignis erinnern und was sie darüber wissen. Der Name Osama bin Laden wird voraussichtlich fallen und der Lehrer muss evtl. ergänzen, dass man dessen Terrororganisation al-Qaida für die Anschläge verantwortlich macht. Die Folgen werden in einem Lehrervortrag erklärt: Die US-Regierung vermutete, dass sich die Terroristen in Afghanistan unter dem Schutz der dort herrschenden Taliban versteckten, griff deshalb Afghanistan an und stürzte das Taliban-Regime. Die Lektüre schildert, wie das Leben unter den Taliban für die Menschen in Afghanistan aussah. Man sollte nun unbedingt auch auf einer Weltkarte zeigen, wo sich Afghanistan eigentlich befindet. Es wäre sicherlich ebenfalls sinnvoll, im Erdkundeunterricht einige Informationen über das Land (Klima, Größe, Bevölkerung etc.) zu erarbeiten.

Das Leben in einer Militärdiktatur
Wenn den Schülern der geschichtliche Rahmen der Handlung klar ist, sind sie sehr motiviert, mit dem Lesen des Buches zu beginnen. Entweder als Hausaufgabe, als Stillarbeit oder (in leistungsschwächeren Klassen) gemeinsam wird nun das 1. Kapitel gelesen. Der Arbeitsauftrag lautet: „Markiere alle Textstellen, in denen du erfährst, wie sich Parvanas Alltag von deinem eigenen unterscheidet.“ Die Ergebnisse werden in einem Tafelbild zusammengetragen. Die Schüler zählen auf, dass Parvana nicht zur Schule gehen und als Mädchen eigentlich das Haus überhaupt nicht verlassen darf, Soldaten immer präsent sind und die Stadt zerbombt ist. Erfragen sollte der Lehrer zudem noch, dass viele Menschen nicht lesen und schreiben können (auf unseren Wochenmärkten findet man keine Vorleser oder Schreiber) und dass Verletzungen (Parvanas Vater) und Armut weit verbreitet sind (dies kann z. B. mit dem Verkauf von eigentlich lebenswichtigen Prothesen belegt werden). Nachdem man diese Unterschiede herausgestellt hat, sollen die Kinder deren Ursachen benennen. Sie finden schnell heraus, dass die Regierung der Taliban die Menschen unterdrückt und quält. Noch deutlicher werden die Grausamkeit und besonders die Willkür der Taliban bei der Verhaftung des Vaters (2. und 3. Kapitel). Hier wundern sich die Schüler zunächst, wieso jeder Mann sich einen Bart wachsen lassen muss, und finden es traurig, dass der Alltag von Parvanas Familie von Misstrauen gegenüber den Nachbarn geprägt ist. Besonders auffällig und unverständlich ist für sie aber, dass der Vater wahrscheinlich nur aufgrund seiner politischen Meinung verhaftet wird, den genauen Grund aber nie erfährt, und dass sowohl er als auch seine Frau bei der Verhaftung geschlagen werden. Diese Textstelle eignet sich für einen Vergleich mit dem deutschen Recht. Man kann mit den Schülern die im Grundgesetz garantierte Meinungsfreiheit, die Voraussetzungen eines Haftbefehls, das Recht auf einen Verteidiger, das Verbot von Folter und den Sinn dieser Regelungen besprechen. Den Schülern soll deutlich werden, dass die Bürger in einer Diktatur rechtlos und der Willkür der Regierenden ausgeliefert sind. In einem Rechtsstaat wie der BRD haben die Menschen Sicherheit durch festgelegte Gesetze; selbst wer gegen diese verstößt, verliert seine Grundrechte nicht. An dieser Stelle kann man bei den Schülern bereits ein erstes Verständnis für die Gewaltenteilung erreichen, indem man die Frage diskutiert, warum es sinnvoll ist, dass die Richter im Bundesverfassungsgericht kontrollieren können, ob die Gesetzte, die die Politiker im Bundestag „machen“, mit unseren Grundrechten übereinstimmen.

Die Rolle der Frau in der Gesellschaft
Um die Familie versorgen zu können, muss sich Parvana als Junge verkleiden. Hier bietet sich im Unterricht ein produktionsorientierter Schreibanlass an: ein Dialog, in dem Parvana ihrer 5-jährigen Schwester Maryam erklärt, warum sie von nun an anders gekleidet ist. Anschließend schreiben die Schüler einen inneren Monolog, in dem sie Parvanas Gedanken wiedergeben, als diese sich zum ersten Mal als Junge, also mit kurzen Haaren und ohne den Tschador, der ihre Haare und einen Teil ihres Gesichtes verhüllt, auf die Straße begibt (vgl. S. 52). Den Schülern soll mithilfe dieser Texte nochmals ganz deutlich werden, welche Rechte Frauen unter den Taliban verwehrt waren und dass es sich bei Parvanas Verkleidung nicht einfach nur um einen lustigen Streich handelt, sondern dass Parvana grausame Strafen der Soldaten auf der Straße zu befürchten hätte, wenn auffiele, dass sie in Wahrheit ein Mädchen ist. Auch die Zwangsverheiratung (die zum Beispiel Shauzia droht) kann im Unterricht thematisiert werden; meiner persönlichen Erfahrung nach fehlt den Schülern in diesem Alter allerdings noch der Zugang zu der Problematik. In einer Diskussion kann man nun mit den Schülern die Gründe für die stark eingeschränkten Rechte der Frauen erarbeiten. Der Klasse wird deutlich werden, dass es keine rational überzeugenden Argumente gibt, da wir in unserer Kultur natürlich davon überzeugt sind, dass alle Menschen gleich sind. Hierzu kann man aus dem Grundgesetz der BRD zitieren: „Artikel 3: (1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. (2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ Es kann sich nun ein Exkurs über unser heutiges Rollenverständnis von Mann und Frau, also die Frage, ob beide Geschlechter für uns in Deutschland denn wirklich gleich sind, anschließen. Dabei sollte deutlich werden, dass es natürlich keine der im Buch geschilderten vergleichbare Diskriminierung gibt, aber dennoch Unterschiede existieren. Geeignetes Material findet sich in zahlreichen Politikbüchern der Jahrgangstufe 6 (z. B. Wolfgang Mattes (Hg.): Team. Arbeitsbuch für den Politikunterricht. Bd. 1. Paderborn: Schöningh, 2002, S. 96–100). In dem zitierten Buch findet sich z. B. eine Statistik, wer in Deutschland eigentlich die Hausarbeit verrichtet. Es ist deutlich zu erkennen, dass die Frauen trotz Gleichberechtigung in fast allen Familien die Wäsche waschen, putzen oder kochen. Außerdem wird in dem Kapitel eine Familie mit veränderter Rollenverteilung vorgestellt: die Mutter als „Karrierefrau“, der Vater als Hausmann. Hier müssen die Schüler oft eingestehen, dass sie diese Konstellation immer noch als „unnormal“ empfinden und eigentlich noch im klassischen Rollendenken verhaftet sind. Sehr interessant ist an dieser Stelle auch ein Expertengespräch mit einer Gleichstellungsbeauftragten der Stadt, die z. B. besonders auf die Problematik von alleinerziehenden Müttern eingehen kann. Auch die Auseinandersetzung mit Hilfsorganisationen für Frauen am Ort ist sehr gewinnbringend, und vielleicht hat man ja das Glück, in der Nähe ein Frauenmuseum (z. B. in Wiesbaden) zu haben. Fächerübergreifend kann auch mit dem Geschichtsunterricht ein Projekt zur Rolle der Frau in verschiedenen Epochen durchgeführt werden.

Das Recht auf Schulbildung
Sie [die Taliban] hatten den Mädchen sogar verboten, zur Schule zu gehen. Parvana hatte die sechste Klasse Grundschule verlassen müssen und ihre Schwester Nooria durfte nicht mehr in die Mittelschule gehen. (S. 7) Wenn die Schüler diese Sätze am Anfang der Lektüre lesen, reagieren sie zunächst lachend und neidisch: „Das fände ich ja auch mal klasse!“ Bei einer Auflistung der Folgen werden sie dann aber sehr schnell sehr ernst und erkennen, welche Unterdrückung der Frauen durch diese fehlende Bildung möglich ist. Nun kann man erarbeiten, warum Mrs Weera und Parvanas Mutter eine kleine private, verbotene Schule für Mädchen in ihrer Wohnung einrichten (vgl. S. 96 f.). Die Schüler schreiben einen Dialog, in dem die Mutter ihrer Tochter erklärt, warum sie dieses Risiko eingeht, und stellen ihn anschließend als Rollenspiel vor.

Der Einsatz in einer 10. Klasse
Das 1. Kapitel kann man auch hervorragend als Einstieg in die Unterrichtsreihe „Internationale Konflikte“ im Politikunterricht der 10. Klasse verwenden. Nach dem Lesen sollen die Schüler ihre Fragen an den Text formulieren. Sie werden z. B. wissen wollen, warum es zur Herrschaft der Taliban kam, wie die aktuelle Situation in Afghanistan ist und welche Rolle die von Parvana erwähnte Sowjetunion in dem Land gespielt hat. Die Antworten werden nun in Arbeitsgruppen vorbereitet und chronologisch vorgestellt. Man erhält dann einen geschichtlichen Abriss (vom Stellvertreterkrieg des Kalten Krieges zwischen der UdSSR und Afghanistan mit den von den USA unterstützten Mudschaheddin) bis zur heutigen vorsichtigen Etablierung der Demokratie unter  Präsident Karsai. Dies kann ein Ausgangspunkt sein, um zahlreiches Faktenwissen (NATO und Warschauer Pakt, Terrorismusbekämpfung in der Welt, Rolle der USA als Weltmacht, Bundeswehreinsätze im Ausland, ... ) zu vermitteln.


empfohlen von Christiane Althoff

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