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Es geschah im Nachbarhaus von Willi Fährmann. Jugendbuchempfehlung

Willi Fährmann:

Es geschah im Nachbarhaus

1. Bibliografische Angaben und Lesestufe

  • Willi Fährmann: Es geschah im Nachbarhaus. Die Geschichte eines gefährlichen Verdachts und einer Freundschaft. Würzburg: Arena, 2006, 176 S.
  • Lesestufe: 7. – 8. Klasse

2. Inhaltsangabe

In einer rheinischen Kleinstadt wird gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein Kind ermordet. Der Verdacht fällt sofort auf den jüdischen Viehhändler Waldhoff. Die meisten Bewohner der Stadt sind fest von seiner Schuld überzeugt, obwohl es zahlreiche entlastende Umstände gibt. Sein Alibi wird verworfen, weil es auf Aussagen Gerd Märzenichs beruht, von dem man weiß, dass er in Waldhoffs Tochter Ruth verliebt ist. Die Familie des Beschuldigten sieht sich zahlreichen Anfeindungen ausgesetzt und die Geschäfte kommen zum Erliegen. Keiner der Nachbarn hilft dem Sohn Sigi, als er von einigen Jungen verprügelt wird. Während des Schützenfestes gibt es schwere Ausschreitungen gegen die anwesenden Juden und die Lage für die Waldhoffs wird zunehmend untragbar: Ihr Haus wird nachts mit Steinen beworfen und Sigi wird vom Unterricht suspendiert. Nur auf wenige Menschen kann die Familie sich noch verlassen, vor allem auf Ulpius und dessen Sohn Karl, der mit Sigi befreundet ist. Schließlich wird Waldhoff verhaftet, nachdem Gerd, der dem Druck seiner Umgebung nicht mehr standhält, seine Aussage bei der Polizei geändert hat. Für die anderen tritt eine leichte Entspannung der Lage ein, zumal Sigi einem ins Eis eingebrochenen Jungen das Leben rettet. Der Vater wird aus Mangel an Beweisen aus der Haft entlassen; einige Zeit später tauchen in der Stadt Fremde auf, die das Haus der Familie in Brand setzen. Nur Ulpius und sein Sohn helfen beim Löschen. Nachdem der Vater erneut verhaftet worden ist, flüchtet die Mutter mit den Kindern aus der Stadt. Sie kehren auch nie wieder zurück, obwohl Waldhoff vom Gericht freigesprochen wird, als Gerd schließlich doch die Wahrheit aussagt. Der wirkliche Täter war vermutlich ein Landstreicher, dessen Leiche bald darauf im Rhein gefunden wird.

3. Kurzinformationen zum Autor

Der 1929 in Duisburg geborene und heute in Xanten lebende Willi Fährmann ist einer der erfolgreichsten deutschen Jugendbuchautoren, zu dessen Werken auch Der lange Weg des Lukas B. (1980) und Die Stunde der Lerche (2004) gehören. Fährmann machte zunächst eine Maurerlehre, bevor er an der Abendschule das Abitur nachholte und anschließend für das Lehramt studierte. Während seiner Laufbahn wurde er Schulleiter und später Schulrat. Sein pädagogisches Anliegen wird in Es geschah im Nachbarhaus deutlich und zweifellos sind in die Figur des Karl Ulpius, der sich entschließt Lehrer zu werden, einige Züge des Autors eingeflossen. Fährmanns Bücher haben oft eine geschichtliche Thematik; vor allem die Zeit des Nationalsozialismus, die er als Kind miterlebte, beschäftigt ihn intensiv. Dabei will er „Geschichtsschreibung von unten“, also aus der Perspektive der einfachen Menschen, betreiben. Nach eigener Aussage legt er großen Wert auf Authentizität und recherchiert deshalb für jedes Buch akribisch den historischen Hintergrund. Wichtig zum Verständnis seiner Bücher ist die christliche Botschaft, die sie vermitteln, und zwar aus einem Geist der Toleranz, der im vorliegenden Roman dem jüdischen Glauben gegenüber zum Ausdruck kommt. Willi Fährmann ist überdies ein Autor, dessen Büchern man die enge Verbundenheit mit seiner Heimat anmerkt. Die Qualität von Es geschah im Nachbarhaus erklärt sich zum Teil auch daraus, dass die Atmosphäre in einer niederrheinischen Kleinstadt des 19. Jahrhunderts spürbar auflebt; der Autor widmet der Beschreibung alter Traditionen, Bräuche, Handwerkstechniken usw. viel Raum.

4. Allgemeine Einordnung

Es geschah im Nachbarhaus ist ein Klassiker des politisch engagierten Jugendbuchs, von dem es inzwischen fast 40 Auflagen gibt. Der Roman ermöglicht es, sich mit dem Thema Antisemitismus anhand eines authentischen Falles zu beschäftigen, der nicht in die Zeit des Nationalsozialismus fällt. Schüler können dadurch erfahren, dass es sich bei der Diskriminierung von Juden nicht um eine auf einen kurzen Zeitraum beschränkte Erscheinung handelt und dass der Holocaust eine lange Vorgeschichte in bestimmten Dispositionen und Mentalitäten breiter Schichten hat. Die Entstehung des Vorurteils aus der Mitte der Bevölkerung und seine völlige Vernunftwidrigkeit lassen sich an dem Schicksal der Waldhoffs nachvollziehen. An dem Roman besticht die differenzierte Darstellung des sozialpsychologischen Hintergrunds, welche sich mit der humanistischen Grundeinstellung des Autors wirksam verbindet. In einer für Schüler nachvollziehbaren Weise zeigt sich z. B., wie Militarismus und Nationalismus die vorhandene Tendenz zur Ausgrenzung bestimmter Gruppen verstärken. Dabei werden sehr unterschiedliche Haltungen bei Christen wie Juden der Ortschaft kontrastiert. Fälle von Zivilcourage, Freundschaft und Loyalität selbst unter schwierigsten Bedingungen machen auch Mut. Bei der Fülle der Charaktere sind einige notgedrungen holzschnittartig geraten, andere wie Ruth Waldhoff oder Gerd Märzenich werden aber recht feinfühlig dargestellt. Fährmann erzählt dabei in spannender Weise die Geschichte eines Kriminalfalles und enthüllt die Identität des mutmaßlichen Täters erst am Ende.

5. Strukturelle und sprachliche Besonderheiten

Die Geschichte wird überwiegend aus der Sichtweise der Opfer, vor allem der Sigi Waldhoffs, erzählt. Als Außenperspektive ist die des Freundes Karl von besonderem Interesse. Aus heiterem Himmel muss dieser erleben, wie seine für bieder gehaltenen Mitbürger die jüdischen Nachbarn aus der Gemeinschaft ausschließen und ihnen Gewalt antun. Dadurch macht er einen Bewusstseinswandel und Reifeprozess durch. In einigen Passagen wird die Fiktion etwas durchbrochen, indem (in unaufdringlicher Weise) Hintergrundwissen eingeflochten wird. Der alte Ulpius übernimmt die Funktion des Mahners und desjenigen, der andere (und damit den jungen Leser) von der Warte der Venunft über die Entstehung des Antisemitismus informiert, auch über die Haltlosigkeit der üblichen Beschuldigungen, über jüdische Sitten und Bräuche und über Gemeinsamkeiten in den religiösen Traditionen von Juden und Christen. Sowohl Karl als auch die „Apostel“, eine Art Fischer-Kommune, sind für dieses Wissen empfänglich und bilden damit einen Kontrast zu der hartherzigen und egoistischen Gesellschaft des Ortes. Hier entsteht Distanz zum Text wie auch in Passagen, die das Geschehen parabelhaft vertiefen (Sigis Klasse lässt eine Maus für Nachsitzen büßen und tötet sie qualvoll) oder die Parallelgeschichten erzählen (Ulpius erzählt von seinem besten Freund). Daneben finden sich Anspielungen auf die Bibel. In all diesen Fällen wird der Leser für Momente aus der Identifikation genommen und angeregt, über die Ereignisse nachzudenken. Das Erzähltempo ist im Vergleich zu vielen neueren Jugendbüchern eher gemächlich, was aber in diesem Fall erfahrungsgemäß der Freude an der Lektüre keinen Abbruch tut, vielmehr sogar für die nötige Muße sorgt, die im Umgang mit Literatur förderlich ist.

6. Didaktische Anregungen

Es hat sich bewährt, diesen Roman von Schülern in Form eines Lesetagebuchs verarbeiten zu lassen. Dies ermöglicht ihnen große Selbstständigkeit im Umgang mit dem Text und die Anwendung unterschiedlichster Methoden und Zugänge. Auch muss ein Lesetagebuch als „Gesamtkunstwerk“ sorgfältig gestaltet werden. Wenn dies gelingt, verwandelt es sich in ein Erinnerungsstück, das eine enge Verbindung zwischen Schüler und Lektüre herstellt. Es kann am Ende der ca. dreiwöchigen Arbeit daran in der Klasse präsentiert und danach zuhause im Bücherregal aufbewahrt werden. Eine fächerübergreifende Arbeit an dem Roman und dem Tagebuch ist sinnvoll; vor allem die Fächer Geschichte und Kunst können wertvolle Beiträge leisten. Teil der erforderlichen Anleitung der Lerngruppe durch die Lehrkraft sollte auch ein Vorrat an Aufgaben sein, aus denen nach Bedarf ausgewählt werden kann oder die einfach als Anregung dienen, um sich eigene Aufgaben zu stellen. Dabei sollten sowohl Angebote gemacht werden, bei denen produktive Fertigkeiten gefragt sind, als auch solche, die einen eher analytischen Zugriff erfordern. Einige Beispiele:

  •  Brief an das Innenministerium
    Schreib einen Brief an das Innenministerium in Berlin und lege deine Auffassung zu den polizeilichen Ermittlungen im Falle Waldhoff dar. Bring zum Ausdruck, was es zu bemängeln gibt. Heb positive Seiten hervor, wenn dies möglich ist. Bezieh dich dabei auf Beispiele, um glaubwürdig zu sein.
  • Reaktionen der Juden auf die Vorgänge
    Sammle Textstellen, in denen deutlich wird, wie die Juden am Ort (z. B. Familie Waldhoff, Familie Pfingsten) sich angesichts der Vorgänge verhalten und welche Möglichkeiten sie haben, sich zur Wehr zu setzen. Vergleiche die verschiedenen Reaktionen und beurteile sie.
  • Die zwei Brüder
    Ruth erzählt eine Geschichte über zwei Brüder, die in Zwietracht leben (S. 126 f.). Erkläre, in welchem Zusammenhang sie mit der Handlung des Romans steht. Finde Gründe dafür, weshalb Ruth sie nicht zu Ende erzählt. Schreib anschließend selbst einen passenden Schluss.
  • Stadtplan
    Zeichne nach den Angaben im Text einen Stadtplan des Ortes, der die wichtigsten Straßen und Gebäude enthält.
  • Freundschaft
    Denk darüber nach, was einen Freund oder eine Freundin auszeichnet. Gib Erlebnisse wieder, die du mit guten Freunden hattest. Suche anschließend Textstellen, in denen jemand Freundschaft erfährt oder in denen es um Freundschaft geht.
  • Karls Feier
    Stelle dir vor, Karl sitzt bei einer Feier mit vielen anderen Personen an einem Tisch. Zeichne einen Grundriss des Tisches und ordne ca. zehn Stühle darum an. Wähle Figuren aus, die Karl wichtig sind, und platziere sie seinen Sympathien entsprechend. Je näher er sich jemandem fühlt, desto dichter sitzt die Person bei ihm.
  • Vorurteile
    Suche Textstellen, an denen Vorurteile gegen Juden genannt werden. Schreib zu jedem dieser Vorurteile auf, wie sie von Ulpius oder anderen entkräftet werden. Diese Aufgabe kannst du tabellarisch anfertigen.
  • Gedenkplakette
    Der heutige Gemeinderat der Kleinstadt beschließt, dass die Erinnerung an die Familie Waldhoff und ihr Schicksal erhalten werden soll, indem an dem ehemaligen Haus der Waldhoffs eine Gedenkplakette angebracht wird. Entwirf den Text dafür sowie ein Faltblatt, das Interessierten die Geschichte der Familie erzählt.
  • Kinder im 19. Jahrhundert
    Vergleiche das Leben, das Sigi und Karl im 19. Jahrhundert führen, mit dem heutiger Kinder. Geh auf die Schule, das Familienleben, die Freizeitbeschäftigungen usw. ein. Schreib dann auf, ob du gern früher gelebt hättest. Vergiss die Begründung nicht. Du kannst auch Karl und Sigi in eine Zeitmaschine setzen. Lass sie dann ihre Eindrücke von den heutigen Kindern und Jugendlichen erzählen.
  • Gerd Märzenichs Gefühle (Kapitel 17)
    Schreib den Namen Gerd in die Mitte der Seite. Von dort führen Pfeile weg. Am Ende eines jeden Pfeils notierst du eines der Gefühle, das Gerd während der Begegnung mit Ruth auf S. 107–109 durchlebt, z. B. Erleichterung (weil er nach dem Boykott der Umgebung wieder Arbeit hat). Je intensiver ein Gefühl ist, desto größer ist deine Schrift. Notiere dort, wo es nötig ist, jeweils in Klammern, auf welche Person sich ein Gefühl bezieht (z. B. Wut auf ...).
  • Die „Apostel“
    Trag die Textstellen zusammen, an denen die „Apostel“ vorkommen. Beschreib ihr Leben und ihre Gemeinschaft. Überlege dir, weshalb sich Ulpius, Karl und Sigi bei ihnen wohlfühlen und weshalb sie als „Apostel“ bezeichnet werden.
  • Die Reichspogromnacht
    Informiere dich über die „Kristallnacht 1938“ (S. 174), die heute meistens als Reichspogromnacht bezeichnet wird. Versuche herauszufinden, welche Ereignisse sich dabei in deiner Ortschaft zugetragen haben und was aus jüdischen Mitbürgern geworden ist. Schreib einen Text darüber und klebe Fotos ein, die du vielleicht zu dem Thema gefunden hast. Diese Liste von Aufgaben mit eventuellen Erweiterungen ist nur als Steinbruch zu verstehen, aus dem die Schüler sich nach ihren Bedürfnissen und Interessen bedienen. Darüber hinaus können sie über weitere Sachgebiete Informationen aus dem Text und anderen Quellen sammeln (z. B. zu Religion und Brauchtum der Juden), den Roman an geeigneten Stellen umschreiben, Figuren zeichnen, Zukunftsperspektiven für einzelne Charaktere entwerfen, ein Filmplakat konzipieren und sich geeignete Darsteller für eine Verfilmung überlegen. Als Textsorten sind u. a. Zeitungsbericht, Interview, Tagebuch und Comic denkbar. Am Schluss sollte auch ein Inhaltsverzeichnis angelegt werden und eine abschließende Beurteilung des Buches und der Arbeit mit dem Lesetagebuch erfolgen.

 empfohlen von Stefan Munaretto

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