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Ein Schmetterling in der Vorstadt von Gisèle Pineau. Jugendbuchempfehlung

Gisèle Pineau:

Ein Schmetterling in der Vorstadt

1. Bibliografische Angaben und Lesestufe

  • Gisèle Pineau: Ein Schmetterling in der Vorstadt. München: dtv junior, 2002, 128 S. (aus dem Französischen von Annemarie Berger, Originaltitel: Un papillon dans la cité)
  • Lesestufe: 5.–6. Klasse

2. Inhaltsangabe

Félicie ist bei ihrer Großmutter Man Ya in einem Dorf auf Guadeloupe aufgewachsen. Als sie 10 Jahre alt ist, holt sie ihre Mutter, die sich nach der Geburt nach Frankreich abgesetzt hat, zu sich. Félicie wohnt nun der neuen Familie – der Mutter mit ihrem neuen Mann und mit dem kleinen Halbbruder – in einem Hochhaus am Stadtrand von Paris. Alles ist für sie fremd und sie vermisst vor allem das Leben in der Natur und die Großmutter. Ihr schreibt sie heimlich Briefe, weil die Mutter jeglichen Kontakt nach Guadeloupe abgebrochen hat. Félicie befreundet sich mit dem maghrebinischen Jungen Mohamed, genannt Mo. Gemeinsam streifen sie durch die „Banlieue“ und träumen von ihren mutigen Vorfahren, den Tuareg in der Wüste und den entlaufenen Sklaven auf Guadeloupe. Félicie übernimmt mehr und mehr fürsorgliche Verantwortung für ihren Freund, als dieser Probleme in der Schule hat, sich von ihr distanziert und sich einer berüchtigten Straßenbande anschließt. Durch eine Klassenreise nach Guadeloupe lösen sich viele Probleme Félicies: Sie wird wieder vereint mit ihrer geliebten Großmutter, die Freundschaft zu Mo ist enger denn je und schließlich kann sich sogar Félicies Mutter zu einer Aussprache mit Man Ya durchringen.

3. Kurzinformationen zur Autorin

Gisèle Pineau wurde 1956 in Paris geboren. Ihre Eltern stammen aus Guadeloupe, der Vater hatte sich 1943 in der französischen Befreiungsarmee unter de Gaulle verpflichtet. Ihre Jugend verbrachte Pineau in Paris, auf Martinique und Guadeloupe und zeitweise auch in Afrika. Sie studierte zwei Jahre an der Université de Paris X Nanterre Literatur und arbeitete dann als Krankenschwester in der Psychiatrie in Paris und auf Guadeloupe. Auch heute ist sie neben dem Schreiben noch in diesem Beruf tätig. Von einem Aufenthalt auf Guadeloupe kehrte die Familie mit Pineaus Großmutter Man Ya wieder nach Frankreich zurück. Diese nahm eine wichtige Rolle im Leben der Enkelin ein, sie erzählte ihr von ihrer Heimat, von den Märchen und den Mythen des Landes. Die Großmutter findet sich als Figur in mehreren Büchern Pineaus, in dem hier vorgestellten Titel und in L’exil selon Julia. Die Umwelt in Paris erlebte die junge Gisèle als rassistisch und abweisend, und Gewalt und Intoleranz sind dann auch ihre Themen als Schriftstellerin. Auch die kreolische Sprache und Kultur prägen ihre Werke. (vgl. http://www.lehman.cuny.edu/ile.en.ile/paroles/pineau.html [Stand: 11/2006]) Pineau erhielt zahlreiche Preise für ihre Romane für Erwachsene und Kinder. Die wichtigsten übersetzten Werke sind Die lange Irrfahrt der Geister (La grande drive des esprits) und Die Frau, die den Himmel aufspannt (L‘espérance Macadam).

4. Allgemeine Einordnung

Anders als in England oder Frankreich, wo auch die englisch- oder französischsprachige Literatur der Immigranten und der Vertreter der ehemaligen Kolonien bzw. der überseeischen Landesteile den jeweiligen Buchmarkt bestimmen, gibt es in Deutschland noch relativ wenige Bücher von Immigranten selbst. Dazu zählt nur eine geringe Anzahl von Jugendbüchern. Die bessere Integration von Immigranten in den literarischen Markt Frankreichs lässt sich auch mit der unterschiedlichen Bildungspolitik erklären: Wie in dem Buch dargestellt, nimmt die französische Schule eine stärker integrative Rolle ein, allein schon deshalb, weil es sich um eine Ganztags- und Einheitsschule handelt, wo Schüler ohne und mit sozialen und schulischen Problemen auch am Nachmittag zusammen unterrichtet werden. Dazu kommt noch, dass viele „Immigranten“ französische Staatsbürger sind, weil sie aus den französischen „Départements d’Outrer-mer“ (DOM) kommen, die als Teil des französischen Kernlandes und nicht als „Kolonien“ angesehen werden. Bürger dieser DOM dürfen – das prägt auch die Biografie von Pineau – frei zwischen ihrem Heimatland und Frankreich hin- und herziehen und haben keine Probleme mit Sprachkenntnissen, Aufenthaltsgenehmigungen oder Arbeitserlaubnissen. Aber – und davon handelt dieses Buch – die meisten Angehörigen der DOM leben in Frankreich in den „Banlieues“ und schaffen es nur selten, sich wirklich in das französische Leben zu integrieren, wie es sich vor allem die Mutter von Félicie erträumt, leiden also unter der kulturellen Fremdheit. Dabei ähneln die „Banlieues“ (ins Deutsche etwas ungeschickt mit „Vorstadt“ übersetzt) Ghettos von Immigranten verschiedener Herkunft.

5. Strukturelle und sprachliche Besonderheiten

Zu den wichtigsten Begriffen, mit denen deutsche Kinder Probleme haben könnten, gibt es ein zweiseitiges Glossar im Anhang.

Symbole
Das wichtigste Symbol für Félicies glückliche Kindheit in Guadeloupe ist der Schmetterling, ein Bild, das die Form der Insel beschreibt. In ihrenhäufigen Tagträumen schwebt ein Schmetterling riesenhaft über die Vorstadt (S. 71, 98 f.). Symbol für Félicies Kindheit ist auch der Mangobaum, der neben dem Haus ihrer Großmutter steht. In der Beziehung zu ihrem Freund Mo bekommt das Meer eine besondere Bedeutung. Mo hat vor der Reise nach Guadeloupe noch nie das Meer gesehen, das als Symbol der Freiheit dem Leben in der Banlieue gegenübergestellt wird.

Die Traumwelten
Félicie flüchtet vor den Hässlichkeiten des Alltags immer wieder in Traumwelten, die sich meist um ihre frühere Heimat drehen. Vor allem das angepasste Verhalten ihrer Mutter fordert sie zu idealisierenden Vergleichen mit dem freien Leben in der Natur heraus. Die Idealisierung der Karibik durchzieht dann auch das ganze Buch, wird aber ansatzweise von Félicie selbst entlarvt. Sie erlebt ihren Abschied von der Kindheit, die Fremdheit in einer neuen Umgebung und die Tristesse der Banlieues als negativ, nur ganz selten gibt sie zu, dass auch in Guadeloupe nicht nur paradiesische Zustände herrschten: „Aber man soll nicht den Leuten glauben, die sagen: ein Paradies! Jedes Jahr in der Zeit der Wirbelstürme haben Man Ya und ich gebibbert in unserem baufälligen, wackeligen Haus.“ (S. 68) oder „Es ist komisch: Als ich bei Man Ya lebte, hörte ich sie nur über mich schimpfen. Jetzt, da das Meer zwischen uns liegt, erinnere ich mich an ganz andere Worte.“ (S. 67)

Die Beziehungen der Hauptfiguren
Félicie gelingt es lange nicht, ihre Mutter zu akzeptieren und als diejenige zu lieben, die sie nach der Geburt verlassen hat und erst Jahre später nach der Gründung einer neuen Familie wieder zu sich holt. Die Schwierigkeiten der Mutter mit der Großmutter übertragen sich auch auf die Beziehung zur Tochter. Erst als die beiden Frauen sich versöhnen, gelingt es auch Félicie, ihre Mutter anzunehmen.

6. Didaktische Anregungen

Die Herausforderungen der Globalisierung und die zunehmende Zahl von Schülern aus verschiedenen Kulturen erfordern heute einen Deutschunterricht, der sich diesem Kontext öffnet. Man kann sich nicht länger auf eine Konzeption beschränken, die nur die Sprache, Literatur und Kultur der eigenen Nation vermittelt. In den letzten Jahren rückte vermehrt die Beschäftigung mit der sogenannten „Migranten-“ oder „interkulturellen Literatur“ in das Blickfeld der Deutschdidaktik. Dabei ist nicht an Bücher zu denken, die mit pädagogischem Zeigefinger das Schicksal von Immigranten als Opfer beschreiben, sondern eher an authentische Texte, die ohne Tabu von den Vorteilen und Schwierigkeiten einer multikulturellen Gesellschaft berichten. Pineaus Buch ließe sich vergleichen mit Büchern von „Inländern“ über „Ausländer“, die trotz der guten Absicht der Autoren meist bestimmt sind von ideologischen Vorgaben, nach denen die Immigranten als bemitleidenswerte Personen dargestellt werden. Als negatives Beispiel ließe sich hier z. B. Ingrid Kötters Die Kopftuchklasse (Würzburg: Arena, 1999) anführen. Dass diess Buch heute nicht mehr lieferbar ist, verweist darauf, dass vielleicht ein Wandel auch in der deutschen Gesellschaft begonnen hat. Es ist ein typisches Beispiel für eine „Sicht von außen“: Nicht die Gedanken der Immigrantin, nicht ihre Begründung für ihr „anderes“ Verhalten stehen im Vordergrund, sondern nur das mitleidigherablassende Benehmen deutscher Kinder. Dies steht im krassen Gegensatz zu Pineaus Sicht aus der Perspektive einer „Betroffenen“ selbst, die direkt zur Identifikation einlädt. Diese intertextuellen Vergleiche könnte man durch Schülerreferate und/oder die gemeinsame Lektüre von Auszügen methodisch umsetzen; möglich ist auch, von vornherein verschiedene Bücher zur Thematik von mehreren Arbeitsgruppen parallel lesen und dann bewerten zu lassen. Die Lektüre des Buches ließe sich auch als Teil eines globalen Ansatzes sehen, der in den letzten Jahren vermehrt durch entwicklungspolitische Organisationen in unsere Schulen getragen wurde: Insbesondere die Kulturen der südlichen Kontinente sollen durch ihre Autoren selbst repräsentiert werden, dies ist z. B. das Ziel der Gesellschaft zur Förderung von Literatur aus Asien, Afrika und Lateinamerika e. V. oder des Kinderbuchfonds „Baobab“ aus der Schweiz (http://www.baobabbooks.ch). Der Deutschunterricht der Sekundarstufen hat sich bislang kaum für diese Art der Literatur interessiert. In den Grundschulen, wo man stärker ein ganzheitliches Bildungskonzept verfolgt, werden öfter Projekte zu Kinderbüchern aus den südlichen Kontinenten in Zusammenarbeit mit anderen Fächern durchgeführt. Die Behandlung von Ein Schmetterling in der Vorstadt bietet daher die Gelegenheit, sich auch an den weiterführenden Schulen stärker mit außereuropäischen Kulturen zu beschäftigen. Hier hilft die Bücherkiste zur Aktion „Guck mal übern Tellerrand“, die von der Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika e. V. in Frankfurt kostenlos an Schulen verliehen wird. Nähere Informationen und Kontaktdaten: http://www.litprom.de/tellerrand/; Eva Massingue,Tel. (069) 21 02-2 70, guckmal@book-fair.com. Explizit auch für den Sekundarbereich ist Annette Kliewer/Eva Massingue (Hg.): Guck mal übern Tellerrand. Kinder-und Jugendliteratur aus den Südlichen Kontinenten im Deutschunterricht. Baltmannsweiler: Schneider Hohengehren, 2006. Pineaus Buch eignet sich natürlich sehr für einen fächerübergreifenden Einsatz im Deutsch- und Französischunterricht: Dazu können Teile des Buches im Original gelesen oder auch weitere Informationen zu den Themen „Immigrés“ oder „Départements d’Outrer-mer“ in französischer Sprache erarbeitet werden. Da dafür ein gewisses Fremdsprachenniveau erforderlich ist, eignet sich ein solches Projekt aber wohl eher für Klassen, die Französisch als erste Fremdsprache lernen, oder für ältere Jahrgangsstufen (ab Klasse 9). Wer den intertextuellen Vergleich mit anderen französischsprachigen Texten aus der Karibik bzw. Afrika sucht, kann sich auch an das Bureau du Livre de Jeunesse in Frankfurt wenden, hier werden Büchertipps gegeben, aber auch Bücherausstellungen verliehen. Kontaktdaten: Le Bureau du Livre de Jeunesse, Kollwitzstr. 3, 60488 Frankfurt/Main, Tel (069) 74 03 79, Fax (069) 97 40 52 01, bureaulivrejeunesse@t-online.de. Lohnenswert ist sicher die vergleichende Lektüre mit dem Buch Total verrückt von Jean-Paul Nozières (Berlin: Altberliner, 2006), das u. a. den Prix des lycéens allemands erhalten hat und die Situation von „echten“ Einwanderern aus Algerien in Frankreich darstellt. Eine weitere Adresse zum Leben in den südlichen Kontinenten: Deutsche Welthungerhilfe, http://www.welthungerhilfe.de. Hier gibt es gutes kostenloses Material zum ganz normalen Leben von Jugendlichen in anderen Ländern und vor allem die Vermittlung von Autorenlesungen mit Autoren aus diesen Ländern.


empfohlen von Dr. habil. Annette Kliewer

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